Helmut Schörwerth
Aus den Aufzeichnungen meiner Mutter Elisabeth Schörwerth geb. Binder(1913-2002), gewesene Lehrerin

Wie es einmal war…

Sitte und Brauchtum

Die Volksgemeinschaft der Siebenbürger Sachsen wie sie bis gegen Ende des verlorenen Zweiten Weltkrieges bestand, war in Europa wohl etwas Einmaliges. Im Laufe der Jahrhunderte, durch viel Not und Bedrängnis hindurchgegangen und geprägt, war sie zu einer schließlich unter dem Schutz der evangelischen Landeskirche stehenden, festgefügten, traditionsgebundenen Gemeinschaft zusammengewachsen.
In diese Gemeinschaft hineingeboren, darin beschützt aufgewachsen, lebte der einzelne Volksgenosse in und für die Gemeinschaft. Sitte und Brauchtum prägte in hohem Maß das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft. Manches ist im Laufe langer Zeit verloren gegangen. Vieles hatte sich bis in unsere Tage erhalten.


Werdendes Leben, Geburt und Taufe

Schon dem werdenden Leben wurde große Fürsorge entgegengebracht. Betrat z.B. eine werdende Mutter zur Essenszeit ein Haus, so wurde sie gebeten, von den vorhandenen Speisen zu genießen. Trug man Obst und begegnete dabei unterwegs einer schwangeren Frau, bot man ihr davon an. Auch wurde es ihr nicht übel genommen sich einen Wunsch auf ihr verlockend erscheinende Früchte zu erfüllen. In den meisten Fällen, abgesehen von Nottaufen, wurde das Kind vier Wochen nach der Geburt getauft. Am Vorabend ging der Vater des Kindes in Kirchentracht zum Pfarrer, um die Taufe anzuzeigen. Dabei benannte er auch die beiden ältesten Taufpaten mit ihren Frauen, die“ Goden“ (Patin) genannt wurden. Danach ging er die Gevattersleute bitten, meistens 6 an der Zahl. Die Taufe fand in der Regel im Anschluß an den sonntäglichen Gottesdienst statt. Nach der Taufe wurde der Täufling von der jüngsten Patin in das Haus getragen.
Mit folgendem Spruch wurde das Kind der Mutter übergeben:“ Hier tue ich es auf diesen Tisch, es soll wachsen wie ein Fisch. Hier tue ich es auf den Herd, es soll seinen Eltern sein lieb und wert! Wer es nun am liebsten hat, soll kommen und es sich nehmen, sonst trag ich es heim.“ 
Selbstverständlich griff die Mutter zuerst zu. Anschließend wurde das Taufmahl gehalten, zu dem jeder Pate 1 Liter Wein mitbrachte, die Patin 1 Teller Gebäck.
Nach der Entbindung wurde die Wächnerin täglich, wochenlang durch Anverwandte, Freundinnen und Nachbarinnen reihum mit kräftigen Speisen versorgt.


Kindergarten, Schule und Konfirmation

In den zwanziger Jahren wurde ein Kindergarten eingerichtet, wo die noch nicht schulpflichtigen Kinder von einer geprüften Kindergärtnerin betreut wurden. Im Alter von 6-7 Jahren wurden die Kinder eingeschult. In Kleinprobstdorf bestand eine evangelische, deutsche Konfessionsschule mit zwei großen Klassenräumen, Gemeindesaal, Musikzimmer und Lehrerwohnungen. Zwei Lehrkräfte wirkten an der Schule, meistens der Rektorlehrer und eine Lehrerin. Die Kinder vom 1.-4. Schuljahr wurden von der Lehrerin, die vom 5.-9. Schuljahr vom Rektorlehrer unterrichtet. Letzterer war in der Regel auch Leiter der Blasmusikkapelle „Adjuwanten“ genannt.
In der Volksschule wurden außer im Deutschunterricht auch zahlreiche Unterrichtsstunden in der jeweiligen Staatssprache erteilt; früher in ungarisch, nach 1919 in rumänisch. Nach Beendigung der Volksschule wurden die Jungen mit 15, die Mädchen mit 14 Jahren konfirmiert.
Nach der Konfirmation traten die Burschen in die Bruderschaft, die Mädchen in die Schwesternschaft ein. Es waren dies die unter Obhut der Kirche stehenden Jugendvereinigungen. An ihrer Spitze standen in der Bruderschaft der „Altknecht“, in der Schwesternschaft die „Altmagd“ und deren Stellvertreter. Die Oberaufsicht führten die vom Presbyterium bestellten zwei „Knechtenvater“.
Durch die Konfirmation wurden die Knechte und die Maiden in die Gemeinschaft der erwachsenen evangelischen Kirchengemeindemitglieder aufgenommen. Die Konfirmation galt als Erneuerung des Taufgelübdes. Bei der Konfirmation nahmen die Konfirmanden zum 1. Mal am heiligen Abendmahl teil. Der Konfirmation ging der Konfirmandenunterricht voraus. Er dauerte in der Regel 6-8 Wochen und wurde vom Pfarrer erteilt. Regelmäßig am Palmsonntag fand die Konfirmation statt. Am Tage vorher war die Prüfung. Zu dem Zweck nahmen die Konfirmanden im Chor der Kirche Platz; auf der einen Seit die Mädchen, auf der anderen Seite die Burschen. Der Pfarrer kannte seine Pappenheimer und stellte seine Fragen dementsprechend so, daß auch weniger gut beschlagene Prüflinge sich nicht blamierten.
Bei der Konfirmation trugen die Mädchen zum 1. Mal die Kirchenfesttracht der Maiden. Zu dieser gehörte als Kopfschmuck der schwarzsamtene zylinderförmige „Borten“. Von diesem hingen über den Rücken fallende buntbestickte Bänder. Über dem blütenweißen Hemd mit faltig bauschigen Ärmeln wurde ein schwarzes Samtleibchen getragen. Es war verziert mit in ruhigen Farben gehaltenen Schnüren. Dazu wurde ein schwarzer Rock „Kittel“ getragen; darüber eine weiße, schwarzbestickte Schürze. Dazu gehörten schwarze Strümpfe und schwarze, hohe Rindboxschnürschuhe. Im Winter kam der Kirchenpelz dazu. Beim Kirchgang kam selbstverständlich ein Gesangbuch und ein Blumensträußchen hinzu. Die Kirchentracht der Burschen war sehr viel einfacher und bestand aus einem breitkrempigen, schwarzen Filzhut als Kopfschmuck, bei jungen Burschen mit einem bunten Atlasband und vorne ein kleines Kunstblumensträußchen daran. Das weiße Hemd hatte etwas bauschige Ärmel. Darüber wurde ein breiter Ledergürtel, mit Ornamentlederstichen verziert, getragen. Dieser Gürtel ging auf den alten Schwertgurt zurück. Dazu kam eine schwarze Stoffweste. Während man im Sommer ohne Joppe ging, kam im Winter eine schwarze Lodenjoppe hinzu. Zum Kirchgang gehörte der Kirchenpelz, ein weißer Schaffellmantel, der mit farbiger Seide, gestickten Ornamenten und Blumenmustern verziert war. Man trug eine schwarze Stiefelhose mit schwarzen Schafstiefeln. Im Winter trat anstelle des Hutes als Kopfbedeckung die schwarze Lammfellmütze.
Es war üblich, daß die Konfirmanden vor der Konfirmation, bei der sie zum ersten Mal am Heiligen Abendmahl teilnahmen, Verwandte, Freunde und Nachbarn, sowie Lehrer und Lehrerin um Verzeihung baten(für Kränkungen u.s.w.).


Schulfest

Den Höhepunkt nach den überstandenen Prüfungen am Ende des Schuljahres bildete das Schulfest, das im Sommer gefeiert wurde. Das Schulfest bedurfte gründlicher Vorbereitungen, denn es war ein Volksfest für die ganze Dorfgemeinde. Wochenlang vorher übten die Lehrkräfte mit den Schülern Freiturnübungen, Lieder und Gedichte ein, die dann im Laufe der Festfolge vorgeführt wurden. Auch Reigen, Freilichtspiele, Volkstänze, Sackhüpfen, Topfschlagen u. dergleichen mehr gehörten dazu. Einige der besten Schülern durften Gedichte vortragen und erhielten als Anerkennung eine Buchprämie. Das Schulfest fand bei guten Wetter stets draußen im Walde, unter dem Laubdach hoher, alter Eichen statt. In den Tagen vorher war der Platz entsprechend hergerichtet worden. Lange Tafeln und Bänke, wo die Festteilnehmer Platz nehmen konnten, wurden aufgestellt. Von hier hatte man einen guten Ausblick auf die Tanzplätze für die erwachsene Jugend u. die Schulkinder. Zum Tanz spielten die Adjuwanten auf. Walzer, Ländler, Polka, Csardas u. Volkstänze folgten in bunter Reihe.
War dann der, besonders von den Kindern langersehnte Tag mit gutem Wetter herangekommen, wurde um die Mittagszeit am Schulhaus der Festzug zusammengestellt. Alle Teilnehmer trugen Volkstracht. Voran schritt die Blasmusikkapelle. Ihr folgten die Bruder -und Schwesternschaft; voran die Fahnenträger mit der Staatsfahne und der Volksfahne. Vor 1919 war es die ungarische Fahne in den Farben rot-weiß-grün, später die rumänische Fahne blau-gelb-rot und unsere Volksfahne in den Farben blau-rot.
Unter Führung der Lehrerschaft schloß sich die Schuljugend an. Je zwei Mädchen trugen einen aus Eichenlaub, Feld- und Gartenblumen gewundenen Kranz. Die Jungen hatten Fähnchen, zum Teil aus Stoff, meistens jedoch aus farbigem Glanzpapier gefertigt, in der Hand. Die älteren Dorfbewohner säumten die Dorfstraße, durch die der Festzug sich bewegte und freuten sich des schönen Bildes, das der Zug bot. Anschließend zogen auch sie hinaus. Speisen und Getränke wurden reichlich mitgeführt. Im Ablauf der Festfolge wurde beim Festessen von den Honoratioren manche Rede gehalten. Zur Abwechselung spielte die Blasmusik flotte Weisen. Es war ein fröhliches, farbenfrohes Fest, das bis in die Abendstunden andauerte.
Für die erwachsene Jugend war der „Geschworene Montag“ ein Tanzvergnügen besonderer Art. Die Maiden besorgten für diese Feier die Musiker. Bei der Altmaid wurde reichlich Kuchen „Stritzel“ gebacken. Die Maiden stifteten auch den Wein. Außerdem hatten sie das Recht der Wahl zum Tanze.
Auch der Peter-Pauls-Tag wurde gefeiert. Am Vortag banden die Maiden aus Feld -und Gartenblumen Kränze, mit denen ein Rad umwunden wurde. Dieses besondere geschmückte Rad“ Krone“ wurde von den Knechten an einer 15-20 m hohen Stange „Wisebum“ befestigt und vor dem Kirchplatz aufgestellt. Der Altknecht oder ein Stellvertreter mußten ihn erklettern, was oft sehr schwierig war, da die Stange ganz glatt war. Oben, am Rad angekommen, mußte er dann eine Rede halten, nachdem er sich durch einen kräftigen Schluck Wein – der oben fürsorglich angebunden war – gestärkt hatte. Bruder- und Schwesternschaft umstanden „die Krone“, sangen „Siebenbuergen, Land des Segens “ u. andere Lieder. Nachdem der Pfarrer dem Altknecht in einer kurzen Rede gedankt hatte, warf der Altknecht die Lederflasche mit Wein den Burschen zu; die Maiden bekamen Süßigkeiten zugeworfen . Dann wurden 3 Tänze um die Krone getanzt. Nachher ging’s wieder im Festzug paarweise in den Gemeindesaal wo bis zum Morgengrauen gefeiert wurde.
„Zugang“ wurden die regelmäßig abgehaltenen Versrammlungen der Bruder – und Schwesternschaft genannt. Um die traditionelle Ordnung in den Jugendverbänden im Sinne der „Artikel“(Satzungen) aufrecht zu erhalten, wurde vom Altknecht oder von der Altmaid der „Zugang“ einberufen. Unter Vorsitz der vom Presbyterium mit der Jugendbetreuung beauftragten Knechtenväter wurde der „Zugang“ abgehalten. Unter anderem wurden dabei Rügen erteilt, Strafen verhängt, etwa für versäumten Kirchgang oder sonstige Verfehlungen. In schweren Fällen konnte das Presbyterium den zeitweiligen oder dauernden Ausschluß aus der Jugendvereinigung verfügen. Letzteres bedeutete bei den traditionsgebundenen Ehrbegriffen eine schwere Strafe; es wurde als Schande gewertet.
Der Altknecht, dessen Stellvertreter, Zeitaltknecht genannt, ihre Gehilfen, Kellner und Einschenker für die Bruderschaft, die Altmaid und ihre Stellvertreterin für die Schwesternschaft wurden während eines „Zugangs“ von den Angehörigen der Jugendverbände für jedes Jahr neu gewählt. Die Neuaufnahme erfolgte nach der Konfirmation zu Ostern eines jeden Jahres. Gegen Entrichtung einer bescheidenen Gebühr wurden die Neuen mit Handschlag auf die Satzungen verpflichtet. Zu den Pflichten der Bruderschaft gehörten unter anderem das Herrichten und Inordnunghalten der Brünnlein(Trinkwasserquellen)auf dem Gemeindehattert, Heckenschneiden und Fegen der Kirchgasse, gemeinnützige Arbeiten auf dem Friedhof, das Herrichten des Platzes für Feiern und anderes mehr. Die Schwesternschaft sorgte für Sauberkeit und Ordnung in der Kirche, hielt die Blumenbeete auf dem Kirchhof sauber und dergleichen mehr. Gemeinsame Arbeiten wie z.B. das Kornschneiden auf dem Acker des Herrn Pfarrer unter Aufsicht des Kurators wurde von den Jugendverbänden getätigt. Lied und Scherz der jungen Menschen verschönten den Tag. Nach getaner Arbeit gab es auf dem Pfarrhof das Essen.
In der Nacht zum 1. Mai war es üblich, daß die Burschen „Maien“, das sind Rotbuchenäste mit üppigem jungen Laub am Hoftor ihrer Mädel aufstellten. Am 1. Mai frühmorgens ertönte von irgendeiner Anhöhe rings um das Dorf von den Adjuwanten geblasen das Lied „Der ist Mai gekommen“. Anschließend marschierten die Bläser durch das Dorf; beim Pfarrer, den Lehrern, dem Kurator und Mitglieder des Presbyteriums machten sie Halt und wieder erklang die Melodie „Der Mai ist gekommen“.
Der alte Brauch, zu Pfingsten junge Birkenbäume vor den Häusern aufzustellen, ist allmählich eingeschlafen, denn es wurde von der Forstverwaltung verboten, so viele Birkenbäume zu schlagen.


Spinnstube

Wenn im Spätherbst die Feldarbeiten allmählich beendet waren, die Tage immer kürzer wurden und der Abend zunehmend früher begann, kam auf unseren Dörfern die Zeit der Spinnstube heran. Die verheirateten Frauen trafen sich dazu bei einer Nachbarin oder in der Anverwandschaft zu gemütlichem Beisammensein. Der Stolz der Bäuerin war, daß „der neue Hanf so weich, so weiß „zu webefähigem Garn versponnen wurde. Bei schnurrendem Spinnrad erzählte es sich so gemütlich. Oft wurden alte Volkslieder gesungen. Neben manch ernsten Fragen kam natürlich auch der übliche Dorfklatsch zu seinem Recht. Auf unseren Dörfern war das Winterhalbjahr vorwiegend Heiratszeit. So war denn an Gesprächsstoff kein Mangel. Zwischendurch oder bevor man auseinander ging, ließ es sich die Hausfrau nicht nehmen, etwas anzubieten. Beliebt waren Bratäpfel oder auch Schmierbrote und ein Glas Wein. Die verheirateten Männer soweit sie Mietglieder der Blaskapelle waren, trafen sich häufig zu Musikproben, wobei manches Glas Wein geleert wurde, denn blasen macht Durst. Andere trafen sich bei Nachbarn oder Freunden zum Kartenspiel. Auch Kraftproben und anderes brachten Abwechselung und Entspannung in den Alltag.
Eine besondere Bewandtnis jedoch hatte es mit der Spinnstube der Maiden auf sich. Diese trafen sich nach Anzahl der Mädchen – alle zusammen oder gruppenweise bei einer Freundin – ständig oder reihum.
Das Spinnrad war vorwiegend der verheirateten Frau vorbehalten. Die Mädchen benützten den mit Schnitzarbeit verzierten Steh- oder Sitzrocken, an dem der „Wackel“ (Wockel) festgeschnürt war. Dazu gehörte die Handspindel mit dem Wirtel. Dieser ist dem Mädchen oft von seinem Verehrer geschenkt worden. Es war manch schön geschnitztes Stück darunter. In der Spinnstube ging es meistens lebhaft zu. Muntere Gespräche, Lied und Scherz ließen die Zeit rasch verstreichen. Entfiel die Handspindel zufällig – oder auch mal absichtlich der Hand der Spinnerin und es gelang einem Burschen sie schell aufzuheben, bevor die Spinnerin sie erreichte, erwarb er damit Anrecht auf einen Kuß. Ob dieser gern oder weniger gern gewährt wurde, mag von Fall zu Fall verschieden gewesen sein.
In den sogenannten 13 Tagen – gemeint sind die heiligen 12 Nächte von der Thomasnacht bis zum Heiligen Dreikönigstag – ruhte die Arbeit mit Spindel, Spinnrad und Webstuhl. Gegen Ende der Adventzeit wurde mit einem gemeinsamen Essen, bestehend aus Schweinebraten, Rippchen und Bratwurst mit Sauerkraut, dazu natürlich auch Wein, der Ausspinnabend gefeiert im neuen Jahr nach Ephifamas trat die Spinnstube wieder in ihr Recht.


Hochzeit

In Kleinprobstdorf wurde in der Regel früh geheiratet; die Mädchen mit 17-18 Jahren, ab und zu sogar früher, selten später und die Burschen nach Ableistung des Militärdienstes. Selten war es die große Liebe, die zwei junge Menschen zusammenführte, sondern der wohlgemeinte Rat der Eltern oder Anverwandter.
Vor der Verlobung hatte man sich vergewissert, ob die Bereitschaft zu einer Verbindung der jungen Menschen in beiden Sippen vorhanden war. Tanten oder gute Freundinnen führten bereitwillig diese Sondierungsgespräche. Dann erfolgte das sogenannte“ Hiesche gohn“ (die Brautwerbung), wobei der junge Mann mit seinem Vater oder einem sonstigen nahen Anverwandten als Brautwerber im Elternhaus der Braut erschien, wo in althergebrachter Form um die Hand der Tochter des Hauses angehalten wurde. Der Verspruch wurde natürlich bei einem Kruge Wein gefeiert.
Von den Müttern wurde danach besprochen, wann und wie die Verlobung gefeiert werden sollte. Die Verlobungsfeier fand in der Regel im Elternhaus der Braut statt. Am Tage der Verlobung begab sich das Brautpaar in Kirchentracht – die Braut mit dem Myrtenkranz auf dem Borten, der Bräutigam mit den Bräutigamssträußchen auf der linken Brustseite des Kirchenpelzes – mit den Trauzeugen zum Standesamt zwecks Bestellung des Aufgebotes. Die Trauzeugen waren für Bräutigam und Braut der Wiurtmun (Wortmann). Anschließend begaben sie sich zum Pfarramt, um die Verlobung anzuzeigen. An 3 Sonntagen hintereinander nach der Predigt in der Kirche wurde das Brautpaar verkündet (ausgerufen). Die Verlobungszeit dauerte in der Regel 3 Wochen.
Die Hochzeitsfeier erforderte umfangreiche Vorbereitungen. Vor 100 Jahren dauerte diese eine volle Woche. In unserer Zeit beschränkte sie sich auf einige Tage.

Je nach Größe der geplanten Hochzeitsfeier wurde 1 Rind, 1 Ochse oder 1 Kuh geschlachtet, 1-2 Schweine und zahlreiche Hühner, Stritzel, „Hanklich“ und sonstiges Backwerk wurde reichlich gebacken. Wein und Brandwein aus eigener Erzeugung waren genügend vorhanden. Drei Tage vor der Hochzeit wurde gebacken Nudelteig „geschniden Dich“ ausgedreht. Frauen aus der Anverwandtschaft halfen mit. Jede von 
hnen – auch alle Nachbarn -und Freundinnen des Hauses – steuerten etwas bei; Speck, Eier, Schmalz, Butter, Rahm, Milch u. je eine Henne. Nach dem Überbringen der Gaben wurden sie mit frisch gebackenem Brot und Wein bewirtet.
Am Sonntag vor der Hochzeitsfeier wurden von den Eltern die verheiraten Hochzeitsgäste eingeladen. Das Brautpaar lud Jugendfreunde -und Freundinnen, oft die ganze Schwester -und Bruderschaft ein. 
Am Vorabend der Hochzeitsfeier gingen 2 Bittknechte angetan mit dem Kirchenpelz, den Bittknechtsstrauß am Hut oder der Lammfellmütze, in der rechten Hand den mit bunten Bändern gezierten Bittknechtstock, die Hochzeitsgäste im Namen beider Häuser in althergebrachten Weise einzuladen. Dies taten sie mit folgendem Spruch:
„Gott gebe Euch einen guten Abend! Wir sind ausgesandt von dem Bräutigam und der Braut und Ihren Eltern. Sie lassen Euch bitten, ihre eingeladenen Hochzeitsgäste zu sein, hochzeitliche Geschäfte helfen führen; sie versprechen Euch zu Halten im Segen des Herrn, solange es Euer Wille und Gottes Wille sein wird“. In der Regel wurde die Einladung mit Dank angenommen. Dann verabschiedeten sich die Bittknechte mit dem Gruß „Gott gebe Euch eine gute Nacht und einen friedlichen Morgen!“
Am Morgen des Hochzeitstages gingen die Bittknechte nochmals reihum zu allen geladenen Gästen, wobei sie folgenden Spruch aufsagten: „Gott gebe Euch einen guten Morgen! Die ehrlichen Hochzeitgeber lassen Euch einen guten Morgen sagen und sie lassen Euch bitten, Ihr sollt Euch fertig machen und Ihr sollt kommen. Sie werden Euch von Herzen gerne sehen!“
Am Hochzeitstag, zeitig am Vormittag fanden sich die Gäste ein. Ihr Gruß in alter Form lautete: „Gott gebe euch einen guten Morgen! Verzeiht daß wir mit fort kommen, wir haben ein ehrliches Wort erhalten, unsere Zukunft soll Euch nicht schwermütig vorkommen. Gott segne den heutigen Tag!“
Die eintreffenden Gäste wurden mit Kuchen, Schnaps und Wein bewirtet und wenn alle beisammen waren, mit“Brodelawend“. Dann wurden von einer Anzahl Burschen die Musikanten eingeholt. Dabei marschierten die Burschen voran, die Musiker, Marschmusik spielend, knapp hinterher. Vom Hause der Braut ging eine der Braut nahestehenden Frau und der Wortmann mit den „Gaben“ zum Hause des Bräutigams. Sie überbrachten für den Bräutigam das Bräutigamshemd, sowie für sämtliche Familienangehörige je ein kleines Geschenk. Vom Hause des Bräutigams wurden beim abholen der Braut durch die Bittknechte dieser die „Hochzeitsschuhe“ übergeben, sowie das sogenannte „Weiße Tuch“(zur Kirchentracht der jungen Frau gehörend). 

Kurz nach den Eintreffen der Gabfrau mit dem Wortmann im Hause des Bräutigams begaben sich der Bräutigam mit dem Hochzeitvater und den Bittknechten zum Brauthaus. Dort angekommen, sagte nach dem üblichem Gruß der Hochzeitvater sinngemäß folgendes: „Sehr geehrter lieber Wortmann, wie es Euch wißlich ist, haben wir hier in diesem ehrbaren Hause (vor so und so viel Zeit) den Verspruch getan und diese beide jungen Menschen einander verlobt. Nachdem nun die gesetzliche Wartefrist verstrichen ist, erscheinen wir heute hier mit dem Burschen, dem Bräutigam und seiner Anverwandschaft um Euch zu fragen ob Ihr noch des Sinnes seid unsere damals getroffene Abmachung einzuhalten. Wenn ja, was wir hoffen so bitten wir Euch mit uns gemeinsam die nötigen Schritte zu unternehmen, damit diese beiden jungen Menschen den Bund für das Leben schließen können, wie es von unseren Altvordern übernommener Brauch und Sitte ist und wie es das Gesetz vorschreibt“; darauf antwortete der Wortmann sinngemäß:
Lieber Hochzeitvater, wie Ihr schon sagtet, haben wir (vor so und so viel Zeit) diese beiden jungen Menschen verlobt. Selbstverständlich stehen wir zu unserem damals gegebenen Wort. Wir freuen uns mit Euch mithelfen zu können, daß diese beiden jungen Menschen am heutigen Tage den Bund für das Leben schließen, wie es Sitte und Brauch erfordern und wie es das Gesetz des Staates vorschreibt. Wir wissen, es stehet geschrieben: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein ist…“. Wenn wir mit unseren Sinnen und unserem Verstand gar oft nicht alles erfassen und verstehen können, so glauben wir doch, daß in Gottes Schöpfung alles harmonisch und sinnvoll geordnet ist. Wir hoffen und wünschen aufrichtig, daß Gott der Herr unser Tun auch an dem heutigen Tage segnen möchte. So wollen wir denn mit Euch gemeinsam das junge Paar zum Standesamt geleiten und anschließend zum heiligen Gotteshause wo sie ihren Bund vor unserem himmlischen Vater schließen wollen. Dazu helfe uns Gott!“ (Handschlag)
Nun treten die Bittknechte vor und sagen:
Hier stehen wir viele vor der Tür, die wir nicht sind zu zerstören, sondern vielmehr zu beehren, bald hören wir schönen Glockenklang, Gott segne unseren Anfang. Glück und Segen in dies Haus, Glück herein, ich trete ein. Darum sind wir heut hier erschienen für unseren Bräutigam die Braut uns auszubitten, nach unsrer Väter Sitt und frommen Brauch wollen wir sie führen zum Standesamt und Gotteshaus, wo sie schließen sollen das Band der Treue. Gebe Gott, daß sie es nie bereuen. Dies Pfand schneeweiß halt in Ehren, laß Dir dein Glück von niemanden stören!“
Das schönste Bild im Leben ist eine glückliche Braut aus deren Augen eben die Freudenträne schaut. Das Lächeln ihres Mundes, kein Engel tut ihr nach; der Tag des heiligen Bundes, das ist ihr Ehrentag. Wir teilen Deine Freuden, du süße, liebe Braut; leb‘ glücklich so wie heute, bis Dich das Alter schaut. Nimm heut den besten Glückwunsch an, den Dir ein Freund nur geben kann. Als junge Braut Dich zu begrüßen, stehen Jugendfreunde fröhlich hier und Ihre Segenswünsche fließen aus reinem, vollen Herzen Dir. Blick auf! o Braut, aus Deinem tiefen Sinnen! Ein neues Leben gilt es zu beginnen! Ein neues Leben voll seligen Hoffens liegt nun vor Dir, dem Gatten stets geweiht. Des Vaterhauses Schutz mußt Du verlassen. Heut grüßt zum letzten mal die Mädchenzeit. Heut rufst Du scheidend Deinen Mädchentagen, wie wir Dir – zu ein herzlich Lebewohl. Ernst siehst Du neuen Pflichten nun entgegen, blick auf, Du liebe Braut auf allen Deinen Wegen. Der Liebe, der Du Treue gabst, oh, halte sie stets rein! Drum präge sie beide am heutigen Tag noch fester in das Herz Dir ein! Habet Dank, herzliebe Eltern , habet Dank für Unterricht, habet Dank für Unterweisung, habet Dank für eure Pflicht. Eure Treu soll Gott belohnen, die Ihr habt vollbracht an mir!
Nun verabschiedet sich die Braut von ihrer Familie. Der Hochzeitszug formiert sich. Die Blasmusik schreitet voran, flotte Weisen spielend. An der Spitze des Zuges gehen die 2 Wortmänner, den Bräutigam in der Mitte. Ihnen folgten die Bittknechte als Brautführer, die Braut führend. Die Anverwandten und Hochzeitsgäste schlossen sich dem Zuge an.
Im Gemeindesaal vollzog der Standesbeamte, geschmückt mit der Schärpe in den Staatsfarben und dem Wappen die Trauung .Das Brautpaar nahm auf zwei eigens für diesen Zweck bestimmten Sesseln Platz; die Trauzeugen links und rechts daneben. Nach Beantwortung der vorgeschriebenen Fragen wurden die Unterschriften geleistet. Dann beglückwünschte der Standesbeamte als erster das junge Ehepaar und übergab den Trauzeugen die Bescheinigung über die vollzogene Ziviltrauung für den Pfarrer. Nun begannen vom Kirchturm die Glocken zu läuten. Der Hochzeitszug bewegte sich in derselben Ordnung zur Kirche, wo die kirchliche Trauung vom Geistlichen vollzogen wurde.
Die jungen Männer und Burschen der Hochzeitgesellschaft empfingen bei der Kirchentür die Neuvermählten mit Musik. Es ging, laut jauchzend“ Hochzeit, Hochzeit!“ und immer wieder die Weinflaschen schwenkend – zum Hause des Bräutigams, wo das jungvermählte Paar an der Treppe vor dem Hauseingang von der Mutter des Hauses empfangen wurde. Auf einer Schüssel hatte sie einige Hände voll Weizenkörner liegen. Mit einem alten Segensspruch streute sie die Körner der Brotfrucht segnend über das junge Paar.
Nun führte der junge Mann seine junge Frau über die Schwelle seines Hauses. Es folgte das „Gaben“. Jeder Hochzeitsgast beschenkt das junge Paar nach Vermögen und dem Grade der Anverwandtschaft. Vorwiegend Bargeld, Eßgeschirr, Bestecke, Hausrat und dergleichen wurden überreicht. In der Regel bekam die Braut 1 Paar Ochsen, oder 1 Kuh, eventuell eine junge Zuchtstute, sowie Wiesen und Ackerland, Gemüse – und Weingarten, nach Maßen der elterlichen Vermögensverhältnisse; außerdem Bettzug, Wäsche u.s.w. mit in die Ehe.
Das Hochzeitsmahl fand im Hause des Bräutigams und das Abendessen im Brauthaus statt. Später dann benutzte man meistens den Gemeindesaal. Dazwischen gab es „Hanklich“, „Strätzel“ und viel Kleingebäck und Getränke, in der Hauptsache Wein aus Eigenanbau. Das Auftragen der Speisen besorgten die jungen Frauen. Vor Beginn des Mittagessens hielt der Wortmann eine kleine Ansprache; sinngemäß folgenden Inhaltes: „Liebe Hochzeitsgäste! Wie es Euch allen bekannt ist, feiert heute unser liebes junges Paar sein Hochzeitsfest. Da sie dies nicht allein tun mochten, haben sie angesprochen, Ihnen dabei behilflich zu und ihre Gäste zu sein, liebe Anverwandte und Freunde aus Nah und Fern. Dafür bieten sie uns allen Speis und Trank aus Gottes reichem Segen. Möge es allen denen, die davon genießen, zum Besten dienen. Wir beten: Vor Feuer und vor Wassernot, vor einem jähen bösen Tod bewahr uns lieber Herr Gott! Amen.“
War der Pfarrer beim Hochzeitsmahl anwesend, was fast immer der fall war, sprach er das Tischgebet und würdigte in einer kurzen Ansprache das Brautpaar. Es gab meistens eine kräftige Hühnersuppe mit Nudeln „Geschnidden Dich“, Huhn und Rindfleisch mit Soße. Dazu natürlich Wein; nachher Gebäck. Nach dem Hochzeitsmahl wurde fleißig getanzt. Dazu spielte die Musik die auch bei andern Gelegenheiten beliebten Tänze: Walzer, Ländler, Polka, Kreuzpolka. Langsam und schnell Csardas, in neuer Zeit auch moderne Tänze. Zwischendurch wurde immer wieder Kuchen und Wein angeboten.
Zum Abendessen gab es meistens Braten, ein oder zwei Gänge. Dazu Wein und abermals allerhand Gebäck. Beim Abendessen hatte der 2. Wortmann das Wort. Dann wurde wieder getanzt. Um Mitternacht, also 24 Uhr kam gefülltes Kraut auf den Tisch. Am Schluß des Essens, bei dem die Braut zum letzten Mal den Borten mit dem Myrtekranz aufsetzte, nahmen die Gespielinnen der jungen Frau den Borten mit dem Brautkranz vom Kopf, dabei ein Lied singend: „Herunter mit dem Borten, der ziemt dir nicht mehr! Du bist nicht mehr Maid, sondern junge Frau hehr!“ Nun setzte die Schwiegermutter der jungen Frau die Haube auf. Diese war aus schwarzem Samt angefertigt, mit schönen Blumenornamenten in farbiger Seide gestickt. An beiden Seiten der Haube hing je ein ungefähr 45 cm langes schwarzes Samtband, gleich der Haube bestickt, herunter. Am unteren Ende waren die Bänder mit schönen schwarzen Fransen gesäumt. Es folgte der sogenannte Brautreigen. Nach einer alten Weise getanzt, umfaßten sich alle Tänzerinnen und Tänzer, rhythmisch im Kreise schreitend, die Braut mit aufgesteckter Schürze, in die die Gäste ein kleines Geldgeschenk warfen (das sog. Windelgeld, für kommenden Nachwuchs).
Nach Laune und Stimmung wurde anschließend weitergefeiert bis sich schließlich die Gäste nacheinander, ihren Dank für die Einladung und nochmals gute Wünsche ansprechend, verabschiedeten. Von der sogenannten Nachhochzeitsfeier war man in neuerer Zeit allmählich abgekommen. Dieser Tag galt mehr dem Aufräumen und Ordnen, bevor der Alltag in sein Recht trat.


Tod und Begräbnis

Wahrscheinlich am stärksten von allen Feiern im Volksleben trat bei der Leichenfeier und Totenbestattung uraltes Brauchtum in Erscheinung, das bis in germanische Vorzeit zurückweist: Zurüstung des Toten, Totenwache, Klage, geordneter Gang zum Begräbnis und anderes mehr.
Sobald der Tod eingetreten war, was durch den herbeigerufenen Leichenbeschauer festgestellt werden mußte, wurden Fenster und Türen geöffnet und der Spiegel verhängt, der Tote wurde von den nächsten Anverwandten auf eine Bank gelegt und mit angewärmtem Wasser abgewaschen. Das Waschwasser wurde an entlegenem Ort des Hofes in die Erde gegossen. Die Nägel an Finger und Zehen wurden beschnitten, die Haare gekämmt; bei Männern der Bart rasiert. Anschließend wurde der Verstorbene mit dem Totengewand bekleidet. Bis zur Beschaffung des Sarges wurde der Tote auf einem Tisch aufgebahrt, zwischen den Fenstern. Der Sarg wurde aus der Stadt geholt; meist war er aus Fichtenholz; ab und zu wurde ein Eichensarg gekauft. Das Gesicht des Toten wurde mit einem Tuch bedeckt, welches ständig mit Wein, Branntwein oder Essig angefeuchtet wurde.
Gleich nach eingetretenem Tode wurde dies durch einen nahen Anverwandten dem Pfarrer angezeigt. Auch dies geschah in altbürgerliche Weise: „Es wird Euer Wohlehrwürden nicht unbekannt sein, daß unser christlicher Mitbruder (Mitschwester) seit (so und so lange) krank darnieder lag. Er (sie) konnte nicht mehr genesen und ist eines natürlichen Todes gestorben. Wir wünschen ihm (ihr) eine selige Ruhe und eine freudige Auferstehung.“
Darauf teilte der Anverwandte (oft auch der Nachbarvater) den genauen Zeitpunkt des Todes mit und fragte, wann die Beerdigung stattfinden könnte. Hierauf wurde der Glöckner verständigt, der durch Läuten der Gemeinde den Tod anzeigte. Dieses Läuten wurde „die Leiche anzeigen “ genannt. Bei Erwachsenen wurde die große Glocke geläutet, bei Kindern die kleine. Erst nach der Aufbewahrung im Sarg waren Fremdenbesuche statthaft. Die ersten wurden am 1. Abend nach Eintritt des Todes gemacht. Dabei gab es auch altüberlieferte Gruß – und Trostworte, etwa: „Guten Abend, wir trauern mit Euch und den Verstorbenen; unser Herrgott tröste Euch und möge ihn erwecken am jüngsten Tage zu ewiger Freude.“
Darauf wurde geantwortet:
„Möge Gott Euren Wunsch erhören und uns trösten, er aber (der Tote) nicht mehr.“
Wenn sich Anverwandte, Nachbarn, Freunde und Bekannte, vorwiegend Frauen zur Totenwache versammelt hatten und auf bereitgestellten Sitzgelegenheiten Platz genommen hatten, begann die früher allgemein übliche Totenklage, z.B. „Wirt, mein Wirt, mein herzlicher Wirt, wie hast du mich verlassen können? Wie warst du doch immer so fleißig, gingst aus frühmorgens und kamst erst spät abends heim. Wie auch wie, soll ich das ertragen, daß du so plötzlich von mir gingst?!“
In neuerer Zeit war man von der lauten Totenklage abgekommen. Nach 2 Stunden Wache entfernten sich die Teilnehmer der Totenwache bis auf die nächsten Anverwandten. Vorher jedoch bedankte sich ein Angehöriger des Verstorbenen für die dem Toten erwiesene Ehre. Zum Zeichen des Dankes wurden Brot und Wein herumgereicht.
Das Grabmachen besorgten in der Regel 8 Mann aus der Nachbarschaft und den Anverwandten und Freundeskreises des Verstorbenen. Diese wurde am Vorabend der Beerdigung von einem Anverwandten des Toten dazu gebeten. Sie versammelten sich am Morgen des Begräbnistages im Trauerhaus. Hier wurden Sie mit Brot, Wein oder Schnaps empfangen. Dann gingen sie zum Friedhof mit den Hinterbliebenen, zwecks Anweisung des Grabplatzes. Um 10 Uhr gab es für die Grabmacher ein Frühstück; nach der Beendigung ihrer Arbeit ein Essen. Die Beerdigung fand nachmittags statt. Die Begräbnisfeier wurde durch halbstündiges Glockenläuten angezeigt.
Währenddessen versammelten sich die Teilnehmer im Trauerhaus. Nur die Frauen gingen ins Haus, die Männer nahmen im Hof Aufstellung. Als letzter erschien der Pfarrer und dann der Lehrer als Musikleiter mit dem Bläserchor. Unter den klängen des Chorals „meine Lebenszeit verstreicht“ vom Bläserchor gespielt, wurde der Sarg von nahen Anverwandten aus dem Hause getragen und auf die Bahre gesetzt. Die Anverwandten nahmen um den Sarg Aufstellung. Nach Verlesen der üblichen Texte durch den Pfarrer setzte sich der Leichenzug in Bewegung. Voran der Bläserchor, Trauermärsche spielend. Es folgte der Pfarrer, dann die Träger mit dem Sarg, die Bahrenholme hoch auf den Schultern. Hinter dem Sarg gingen die nächsten Hinterbliebenen des Verstorbenen und anschließend die übrigen Trauergäste in geordnetem Zug, würdig einherschreitend. Am Grab angekommen unter den Klängen des Chorals „Begrab den Leib in seine Gruft“, wurde der Sarg ins Grab gesenkt. Der Pfarrer verlas davorstehend einen Bibeltext und sprach die Gebete.
Bei jugendlichen nahm die erwachsene Jugend geschlossen am Begräbnis teil. Die Fahnen mit Trauerflor wurden dem Zuge vorangetragen. Schaurig polterten die Schollen auf dem Sarg. Bevor sich das Grab ganz schloß, trat der Leichenvater vor. Er dankte in altüberlieferten Rede im Namen der trauernden Hinterbliebenen für die dem verstorbenen erwiesene Ehre, dem Herrn Pfarrer, dem Musikleiter und Bläserchor, sowie der ganzen Trauergemeinde. Die Trauergemeinde begab sich nun in die Kirche; während des folgendes Trauergottesdienstes wurden die dabei üblichen Chorale gesungen. Dann hielt der Pfarrer die Leichenpredigt und verlas den Lebenslauf des Verstorbenen unter entsprechender Würdigung seiner Verdienste.
Pfarrer, Bläserchor und der Glöckner erhielten das vom Presbyterium festgesetzte Entgeld. Nach der Trauerfeier in der Kirche folgte für die Trauergäste das Leichenmahl.

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