adventWenn die Abende länger wurden, hatte der Bauer Zeit, gemütliche Stunden mit der Familie zu verbringen. Die Mütter übermittelten den Töchtern die Handarbeitsfertigkeiten und die Väter brachten den Söhnen die Kniffe des Bastelns bei. Die Großeltern öffneten für ihre Enkel die Schatztruhe der Märchen und Sagen.

Von besonderer Behaglichkeit waren die Abende im Advent geprägt. Ruhe kehrte in die Häuser ein und die Menschen stimmten sich auf die herannahende Heilige Nacht ein. Besonders die Herzen der Kleinen waren von der Freude des Wartens auf das Kind in der Krippe erfüllt. In der Schule wurde von den Lehrern ein Programm bestehend aus Liedern und Gedichten für den Christabend vorbereitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging diese Aufgabe an das Pfarrersehepaar über infolge der Verstaatlichung der Schulen.

In unvergesslicher Erinnerung sind vielen Kleinprobstdorfern die von Frau Pfarrer Cornelia Guttner gestalteten andachtsvollen Stunden anlässlich des Weihnachtsabends geblieben. Jeden Montag, 7.45 Uhr, gingen die Schulkinder in der Adventszeit ins Gotteshaus zu einer Morgenandacht, welche der Pfarrer abhielt, wobei er von der Ankunft des Herrn erzählte. Auf dem Pfarrhof begannen die Besprechungen für die Kinderbescherung. Die Verantwortung dafür übernahm die Pfarrfrau gemeinsam mit den Presbyterinnen und den Nachbarmüttern.

Letztere sammelten in ihrer Nachbarschaft Geld für die Geschenke und Zutaten fürs Honiggebäck ein. Bei den „Kuchenfrauen“ in Mediasch bestellte man die Kuchenherzen, vom Markt kaufte man die Äpfel und in den Geschäften wurden Schreibutensilien, Taschentücher und Süßigkeiten besorgt. Am 24. Dezember, um17.00 Uhr versammelten sich die Kinder in der Schule und beim 18.00 Uhr-Läuten ging es in Reih und Glied bis vor die Kirche. An die Spitze der Kinderscharr stellte sich der Pfarrer, gefolgt von den Lehrern und den Frauen, die die „Päckchen“ mit den Gaben in Wäschekörben trugen. In der Zwischenzeit waren die Kerzen am Christbaum von den Kirchenvätern angezündet worden und in der Kirche hatten sehr viele Menschen bis in die letzte Ecke dicht aneinander gedrängt Platz genommen.

Die zahlreich erschienenen Besucher trugen dieses Mal keine Kirchentracht und durften gegen die Regeln der traditionellen Sitzordnung verstoßen. Die vorderen Bänke waren den Müttern mit den Kleinkindern und Säuglingen vorbehalten. Bei der Eröffnung des Festgottesdienstes erhoben sich alle Gemeindeglieder von ihren Plätzen und stimmten in den Choral „Lobt Gott, ihr Christen freuet euch“ ein, während die Kinder die Kirche betraten und sich zu beiden Seiten des Christbaumes aufstellten, wo sie dann die im Vorfeld einstudierten Lieder und Gedichte mit vor Aufregung pochenden Herzen zu Gehör brachten.

Unter den Funken sprühenden Wunderkerzen weiteten sich die Kinderaugen und glänzten zunehmend, als der Pfarrer sich in ihre Mitte begab und ihnen das Geheimnis vom Kind in der Krippe kundtat. Zum feierlichen Rahmen des Gottesdienstes trug der Kirchenchor mit dem Vortrag mehrerer Weihnachtslieder bei und wenn die „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklang, kehrten in jedes junge und alte, in jedes betrübte und rastlose Herz der Frieden und die Zuversicht ein, die der Stern von Bethlehem verkündet. Die Andacht wurde mit der Bescherung der Kinder beendet, die, nachdem sie um den Altar gegangen waren, die für sie vorgesehenen Geschenke ausgeteilt bekamen. Beim Verlassen der Kirche verkündeten die Adjuvanten vom Kirchturm herab das „Puer natus“, das in Kleinprobstdorf vom ersten Weihnachtstag beginnend bis einschließlich Epiphanias in deutscher Fassung vor dem Eingangslied von den Kirchengängern gesungen wurde.

Am ersten Weihnachtstag läuteten 6.00 Uhr früh die Glocken und bis zum Zweiten Weltkrieg spielten die Adjuvanten Weihnachtschoräle vom Turm aus. In den Bauernhäusern war es Sitte in den „Vorderstuben“ das Licht einzuschalten und ein Fenster zu öffnen, als Zeichen dafür, daß man die Weihnachtsbotschaft einließ. Am frühen Vormittag gingen dann die Kinder zu den Paten und Anverwandten „wünschen“, von denen sie Äpfel, Nüsse, Süßigkeiten und etwas Geld erhielten. Zum Gottesdienst stellte sich die Gemeinde in Kirchentracht ein und man begrüßte einander auf dem Weg dahin mit den Worten „Gläcklich Chrästfertach uch de Gesängd“. Der zweite Weihnachtstag war von Geselligkeit bestimmt. Die alljährlichen Theateraufführungen gefolgt von Tanzunterhaltungen führten Alt und Jung in froher Runde zusammen. Wenn am 06. Januar der Christbaum geplündert wurde, nahmen die Schulkinder den „essbaren Weihnachtsschmuck“ als letzten Hauch von Feierlichkeit und Erinnerung mit bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sie aufs Neue auf das „Alle-Jahre-wieder-Mysterium“ warten durften. 

Gertrud Grigori, Lehrerin i.R

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