Kleinprobstdorf liegt am rechten Ufer der Großen Kokel, 10 km flussabwärts von Mediasch. Geschichtlich sei erwähnt, dass Kleinprobstdorf zur Hermannstädter Propstei gehörte und nach deren Auflösung seine Bewohner freie Bauern waren. Verwaltungsmäßig blieb es bis nach dem II. Weltkrieg eigenständig, wurde dann nach Kleinkopisch eingemeindet. 

Innerhalb der regen Brauchtumspflege nahm das Kronenfest, in der Ortschaft als ,,Piter-Palsdaj“ bekannt, einen festen Platz ein. Kein Dorfbewohner hätte den Piter-Palsdaj jemals mit dem 29. Juni in Verbindung gebracht; jeder ordnete diesen Begriff dem Kronenfest zu. Auch feierte man diesen Tag als bewegliches Fest einen Sonntag vor oder einen nach dem 29. Juni. 
Zunächst begannen die Vorbereitungen, welche hauptsächlich die Mädchen betrafen. 

Vor dem II. Weltkrieg, als es noch die Organisationen Schwester- und Bruderschaft gab, die unter der Obhut der Kirche standen, wurde mit Einverständnis der kirchlichen Behörde der Termin festgelegt. Die zwei jüngsten Knechte und Mägde luden jeweils die Burschen und Mädchen zu einer Besprechung ein. Diese Art der Einladung erfolgte auch noch in den Jahren nach der Auflösung der Schwester- und Bruderschaft. Die Mädchen legten einen genauen Organisationsplan fest, der folgende Aufgaben vorsah:

Das Bestellen und Bewirten der Musikgruppe, das Sammeln von Feld- und Gartenblumen und das Besorgen des Geschenkes für den Kronebesteiger, der in der Regel der Altknecht war. Ebenso mussten Eichen- und Christdornlaub beschafft werden. Bei dieser Tätigkeit halfen auch die Burschen mit. 
Am Samstag vor dem Fest gingen die Jugendlichen geschlossen hinaus auf die Wiesen und in die Wälder und kamen am Nachmittag singend mit der bunten Farbenpracht der Natur ins Dorf zurück. Ebenfalls am Samstag luden die Alt- und Jungaltmagd die Ehrengäste ein und durch das Nachbarzeichen, das von Tür zu Tür ,,getragen“ wurde, bat man die Dorfbewohner, am Fest teilzunehmen. Am Sonntagmorgen banden die Mädchen die Krone, wobei oft auch geschickte Frauenhände mithalfen. Einige Mädchen schmückten zur gleichen Zeit den Tanzsaal mit Girlanden aus Feldblumen. Während des Gottesdienstes stellten die Burschen die Krone auf. Wenn die Kirchgänger nach Hause gingen, konnten sie das Kunstwerk bewundern. Die Krone stand ursprünglich außerhalb des Tanzplatzes, der von Bänken und Schatten spendenden Bäumen eingezäunt war.

Mit dem Verschwinden dieser Idylle verlegte man ihren Standort vor den Pfarrhof oder auch vor die alte Schule, den späteren Kindergarten. Gewöhnlich Sonntag, 14.00 Uhr, begann das Fest. Vor dem Gemeindesaal stellte sich der Festzug auf. An der Spitze desselben marschierten der Ortspfarrer, der rumänische Pfarrer (in der Zeit, in der die Rumänen noch eine Pfarrstelle hatten), der ,,Hann“ (Bürgermeister) und das Kirchenamt, bestehend aus dem Kurator und den beiden Kirchenvätern. Es folgten der Altknecht, der Jungaltknecht und Wortknecht, danach paarweise die Jugendlichen. Die Burschen trugen eine schwarze Hose, Stiefel und ein gesticktes Hemd, die Mädchen waren mit der jungsächsischen Tracht gekleidet. Dreimal marschierte der Zug um die Krone, dann bildeten die Jugendlichen einen großen Kreis. Unter den Klängen der Musik erkletterte der Altknecht den Stamm und stieg in die Krone ein. Üblich war es, dass der Jungalt- und der Wortknecht nachkletterten, um mit ihren Händen den Füßen des Altknechts Stütze zu bieten. Gelang das Kunststück und der Kletterer stand in der Krone, ertönte einstimmig aus aller Munde das Lied ,,Deiner Sprache, deiner Sitte“. Danach hielt der Altknecht seine Rede und hieß die Anwesenden herzlich willkommen.

Es muss erwähnt werden, dass an diesem Festakt sehr viele Rumänen teilnahmen und sogar Ungarn aus Kleinkopisch den Weg zu uns nicht scheuten. Auch aus den Nachbardörfern kamen viele Jugendliche herbeigeströmt, um gemeinsam mit den Kleinprobstdorfern zu feiern. Der Pfarrer dankte dem Redner mit eindringlichen Worten, die in der Mahnung des Zusammenhalts in der Gemeinschaft gipfelten. In der Krone befestigt befanden sich Johannisbeerzweige und eine mit sächsischen Motiven bemalte Holzflasche. Letztere war mit Wein gefüllt, von dem der Altknecht einen Schluck auf das Wohl aller Anwesenden trank. Dann warf er die Flasche dem Jungaltknecht zu, woraufhin diese eine Runde von Knecht zu Knecht machte und jeder Einzelne etwas von dem kraftspendenden Nass als Symbol der Gemeinschaft zu sich nahm. Die Mädchen fingen die Zweige, das Sinnbild der Fruchtbarkeit, auf und reichten dieselben weiter, wobei jedes Mädchen Früchte pflückte und davon aß.

Der Altknecht fand auch ein Geschenk in der Krone, nämlich ein Taschentuch, in das Geld eingeknüpft war. Nachdem dann noch die beiden Lieder ,,Af deser Ierd“ und ,,Mer wällen bleiwen, wat mer senj“ erklangen, setzte die Musik ein und der Tanz begann. Weil am Piter-Palsdaj der Ball hauptsächlich von den Mädchen organisiert wurde, forderten diese die Burschen und auch die Ehrengäste zum Tanz auf. Solange es den Tanzplatz gab, fand die Unterhaltung noch einige Stunden dort statt. Als derselbe nicht mehr vorhanden war, stellten sich die Jugendlichen nach Beendigung des eigentlichen Festaktes wieder in Reih und Glied auf und marschierten in den Saal zurück. Von vorhin erwähntem Tanzrecht machten die Mädchen bis zum Nachtglockenläuten Gebrauch. Zu diesem Zeitpunkt gruben die Jungen den Stamm mit der geschmückten Krone wieder aus und rollten ihn durchs Dorf. Am Abend ging die Unterhaltung weiter. Jetzt hatte das männliche Geschlecht das Vorrecht, die Mädchen zum Tanz einzuladen. Im Gemeindesaal saßen in mehreren Bankreihen die Zuschauer. Um 20.00 Uhr führten die Jugendlichen unter Leitung der Lehrerin einen Aufmarsch und einen in Kleinprobstdorf als Reigen bekannten Figurenländler auf. Zu diesem Anlass erschienen die Mädchen in ihrer althergebrachten Tracht: Einem weißen gereihten Hemd, einem weißen Rock, einem schwarzen Samtleibchen und einer weißen mit schwarzem Garn bestickten Schürze. Um den Kopf gewunden trugen sie ein ,,Partierband“. Mit froher Laune verlief die Tanzunterhaltung weiter. In den Pausen ertönten alte Volksweisen und die Jugendlichen erfreuten die Zuschauer mit abwechslungsreichen Singspielen. Um 23.00 Uhr kündigte der Altknecht zwei Tänze für ,,die Alten“ an. Viele Großeltern schwangen dann das Tanzbein mit dem Enkel oder der Enkelin.

Die Alten wussten aber auch, dass diese indirekte Aufforderung auch einer Mahnung zum Nachhausegehen gleichkam. Auch mussten sie für die Jungen und die ortsfremden Jugendlichen einen Imbiss vorbereiten. Zumal die Kleinprobstdorfer für ihre Gastfreundschaft bekannt sind, dürfte jeder ,,Fremde“ seine Gaumenfreuden gestillt haben. Nach dieser Stärkung fanden sich die Jugendlichen erneut im Tanz-lokal ein, wo die Unterhaltung bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Möge es der älteren Generation gelingen, den Nachkommen vom Piter-Palsdaj zu berichten. Selbst wenn das mit den Worten ,“Es war einmal“ beginnt, sollte ihnen bewusst werden, dass dieser Tag kein Märchen, sondern eine traumhaft festliche Wirklichkeit war, von deren Erinnerung heute noch ein ganz besonderer warmer 
Zauber ausgeht. 

Gertrud Grigori, Lehrerin i. R. 

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