Gemeinsame Reise in die alte Heimat

5. Juli 2011 – Fahrt von Nürnberg nach Budapest
Endlich ist es soweit: Die von unserem HOG-Vorsitzenden Hans Folea-Stamp organisierte Reise in die alte Heimat begann am frühen Morgen in Nürnberg mit einem modernen Reisebus der Reisegesellschaft „Schmetterling-Reisen“. 45 Personen aller Altersklassen (von 15 bis über 70 Jahren), überwiegend Kleinprobstdorfer/-innen, aber auch einige Freunde und Gäste, beispielsweise aus Wölz, hatten sich in Nürnberg eingefunden, um gut gelaunt und in freudiger Erwartung den Besuch unserer Heimat Siebenbürgen anzutreten.
Bereits vor der Abfahrt zeichnete sich ab, wie die Stimmung auf unserer Reise sein würde: Der Koffer von Luise Grigori-Roth, der im Auto geblieben war und von ihren Verwandten versehentlich wieder mitgenommen wurde, sorgte für eine verspätete Abfahrt und obendrein für viel Spaß und Heiterkeit unter den Reisegästen. Unsere heitere Stimmung und gute Laune wurde zusätzlich noch beflügelt, indem immer wieder irgendjemand von uns Witze oder Anekdoten am Mikrofon erzählte. Für Unterhaltung sorgten wir des Weiteren auch mit Gesang (Hanzi hatte eigens dafür einige Texte zusammengestellt), mit Gedichten und zur Einstimmung auf die Heimat gab es eine interessante Dokumentation zu sehen über die malerischen Dörfer und die stattlichen Kirchenburgen Siebenbürgens. Bei der Abfahrt waren wir noch nicht vollzählig, denn die in Österreich lebende Pfarrers-familie Roth stieß erst in der Nähe ihres Wohnortes zu unserer Reisegruppe.
Abends erreichten wir gegen 19 Uhr unser Hotel (Mercure Hotel) in Budapest. Dank Ulrich Thinat, einem unserer Reiseteilnehmer, konnten wir nach dem Abendessen Budapest in Abendstimmung erleben. Da er Budapest schon ungefähr 15 Mal besuchte, ist er ziemlich ortskundig und übernahm somit die Führung. Er führte uns zur Fischer-Bastei, welche einen grandiosen Ausblick auf das Stadtpanorama bot. Der Blick führte hinunter zur Donau und zu den vielen beeindruckenden Gebäuden, von denen das berühmte Parlaments-gebäude ganz besonders hervorsticht.

6. Juli 2011 – Fahrt von Budapest nach Mediasch (über Oradea)
Die Weiterfahrt von Budapest aus verlief über Oradea, Klausenburg, Thorenburg, Sankt Martin und Kleinblasendorf nach Mediasch. An diesem zweiten Reisetag war es im Bus wesentlich ruhiger als am ersten. Je näher wir der Heimat kamen, umso ruhiger wurde es. Es war eine außergewöhnliche Stille, welche wohl kaum ausschließlich auf der Müdigkeit beruht. Sie begründet sich eher dadurch, dass viele von uns in sich gingen, andächtig wurden und mit Blick auf die heimatliche Landschaft in alten Erinnerungen schwelgten. Wir erreichten gegen 19 Uhr planmäßig unser Hotel Edelweiß in Mediasch in der Nähe der ehemaligen Wurstfabrik „Salconserv“ in der Straße, die Richtung Pretai führt.
Das Hotel sorgte bereits von außen für einen erfreulichen Eindruck und sieht mit seinem gelben Anstrich und den vielen roten Geranien auf den Balkonen sehr einladend aus. Als wir das Innere des Hotels betrachteten, bestätigte sich unser positives Empfinden. Nach dem Abendessen unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch Mediasch und fielen nachher, vornehmlich aufgrund der langen Reise, erschöpft ins Bett.

7. Juli 2011 – Empfang in Kleinkopisch / Stadtbesichtigung Hermannstadt
Am frühen Morgen begaben wir uns auf den Weg nach Kleinkopisch (Copşa Mică), wo Bürgermeister Daniel Tudor Mihalache bereits auf uns wartete. Nach der Begrüßung besichtigten wir alle drei Kleinkopischer Kirchen. Danach fuhren wir zum Rathaus, welches sich in dem Gebäude befindet, wo früher das Krankenhaus untergebracht war. Dort wurden wir freundschaftlich empfangen und mit Getränken bedient. Der Empfang im Rathaus wurde abgerundet mit einem Filmbeitrag über die erfreuliche Entwicklung der Stadt Kleinkopisch.
Am frühen Nachmittag fuhren wir dann über Marktschelken, Reussen (mit seinem schiefen Turm) und Stolzenburg (mit seiner mächtigen Burgruine) nach Hermannstadt. Dort nahmen uns im Bischofspalais hohe Vertreter der Landeskirche freundlich und spontan in Empfang und hielten anschließend einen interessanten Vortrag über die Maßnahmen zur Instandhaltung/Instandsetzung der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen. Um 15 Uhr begann unsere Stadtbesichtigung unter der Führung eines charmanten rumänischen Studenten, der nicht nur die deutsche Sprache nahezu perfekt beherrschte, sondern auch fachlich überaus kompetent war.
Danach blieb noch Zeit zur freien Gestaltung. Viele machten es sich in einem der zahlreichen Biergärten oder Cafés gemütlich, manche bummelten durch die Läden oder nutzten die Zeit, um einige der vielen Sehenswürdigkeiten zu bestaunen, beispielsweise um einen Überblick über die Stadt vom Ratturm zu genießen. In einer kleinen Ansprache im Bus während der Hinfahrt sagte ich: „Hoffen mer, dot aser Herrgott en Sox äs uch es unständich Wädder git!“ Der Herr scheint diese Worte erhört zu haben, denn gleich an diesem ersten Tag, den wir von morgens bis abends in der alten Heimat verbrachten, schenkte uns der Himmel herrliches Sommerwetter mit schier 40 °C. Dieses sonnige und heiße Wetter blieb uns für die gesamte Dauer unserer Reise erhalten. Es scheint also da oben tatsächlich „en Sox“ (ein Sachse) zu sitzen.

8. Juli 2011 – Besichtigungen: Schäßburg, Birthälm (Kirchenburg), Mediasch
An diesem Tag war unsere Gruppe kleiner als sonst, weil einige sich – was absolut verständlich und nachvollziehbar ist – „abgesetzt“ hatten, um diesen Tag ihren Heimat-dörfern wie etwa Wölz, Frauendorf, Wurmloch, Scharosch oder Eibesdorf zu widmen. Für alle anderen ging es von Mediasch über Pretai, Scharosch und Dunesdorf nach Schäßburg. Wir besichtigten die Altstadt samt Bergfriedhof und Bergkirche unter der Führung des charismatischen Professors i.R. Hermann Baier, welcher nicht nur über ein enormes Wissen verfügt, sondern zudem auch sehr unterhaltsam war, indem er zwischendurch einige Witze zum Besten gab, die bei uns herzhaftes Lachen bewirkten.
Nach der Führung bestiegen einige von uns noch den berühmten Stundenturm, andere wiederum stöberten angeregt in den zahlreichen Souvenirläden, wohingegen auch einige es ganz ruhig angehen ließen, sich ein kühles Glas Bier oder ein Eis genehmigten. Bei einer Hitze von beinahe 40 Grad sind derlei Abkühlungen stets Willkommen. Nach dem Mittagessen im Restaurant „Dracula“ in Dunesdorf fuhren wir am Nachmittag nach Birthälm, um dort eine der imposantesten und besterhaltenen Kirchenburgen in Siebenbürgen zu besichtigen.
Schon aus der Ferne, noch bevor man in das stattliche Dorf einfährt, grüßt einen die Kirchenburg, auf einem Hügel inmitten des Dorfes thronend, umgeben von drei Ringmauern (Beringen) und acht Türmen. Da ich acht Jahre in Birthälm gelebt habe und die Kirchenburg sehr gur kenne, wurde mir die große Ehre zuteil, die Führung im Außenbereich übernehmen zu dürfen, um unserer stets interessierten und neugierigen Reisegruppe dieses monumentale Bauwerk näherzubringen. Für die Führung im Kircheninneren war eine junge Frau vorgesehen. Als ich sie in der Kirche begrüßte und auf ihr Namensschild sah, traute ich meinen Augen nicht: Mit dieser bezaubernden jungen Frau habe ich in Birthälm vier Jahre lang gemeinsam „die Schulbank gedrückt“! Es war für mich ein sehr angenehmes und erfreuliches Wiedersehen. Ich hätte nicht gedacht, dass von denjenigen, mit denen ich einst in Birthälm zur Schule ging, noch irgendjemand im Dorf wohnt!
Nach dem Abendessen in unserem Hotel stand noch eine abendliche Führung durch Mediasch auf dem Programm. Dabei wurde natürlich auch auf die Margarethenkirche ausführlich eingegangen. Mich hat schon seit langem insbesondere der sogenannte Trompeter- oder Tramiterturm in seinen Bann gezogen. Bereits tagsüber ist er ein echter Blickfang mit seinem schlanken Rumpf, der Turmuhr, dem Anstrich in einem warmen Gelbton und den vier Türmchen, die an den Ecken der Dachkonstruktion angebracht sind, um die Gerichtsbarkeit zu symbolisieren. Die Tatsache, dass er eine Neigung aufweist, verleiht ihm zusätzlich eine außergewöhnliche Note. Besonders wenn er nach Anbruch der Dunkelheit beleuchtet wird, sieht er einfach erhaben aus und trägt maßgeblich zu dem romantischen und harmonischen Stadtbild in der Innenstadt bei. Dieser Turm gilt nicht umsonst als das Wahrzeichen Mediaschs!

9. Juli 2011 – Heimkehr nach Kleinprobstdorf
Dieser Tag ist sicherlich nicht nur für mich, sondern für die meisten Reiseteilnehmer der Höhepunkt unserer Reise, denn diesen Tag widmeten wir voll und ganz Kleinprobstdorf, unserem geliebten und unvergessenen Heimatdorf. Da die Straße, die von Kleinkopisch nach Kleinprobstdorf führt, bekanntermaßen ziemlich eng ist, gestaltete sich das Rechtsabbiegen in Richtung Kleinprobstdorf anfangs etwas schwierig: Unser Reisebus musste noch einmal zurücksetzen, weil ein Zaunpfahl im Weg stand, welcher dafür gesorgt hatte, dass Kleinprobstdorf sich mit einigen Schrammen und Kratzern im Blech des hinteren Ausstiegs sozusagen „verewigte“. Überdies mussten wir bei der Überquerung der Gleise vorsichtig sein: Es sah nämlich zunächst danach aus, als ob der Bus auf den Gleisen aufsetzen würde. Hierbei hatte sich Michael Roth als guter Lotse erwiesen: Er stieg aus, kniete sich auf den Boden und beobachtete, ob wir den Gleiskörper mit dem Unterboden berühren. Langsam und vorsichtig bewegte sich der Bus währenddessen vorwärts, sodass wir die Gleise schließlich schadlos hinter uns lassen konnten. Als ich sah, wie Michael sich hinkniete, dachte ich ernsthaft, er wollte die Heimaterde küssen. Es stellte sich später heraus, dass ich nicht der einzige war, der diese Vermutung hatte.
Wir fuhren weiter bis zur Kokelbrücke, wo wir allesamt ausstiegen, um zu Fuß ins Dorf zu gehen. Der Bus fuhr ebenfalls ins Dorf und parkte dann vor dem Kindergarten. Einem Naturfreund wie mir geht wahrhaftig das Herz auf, wenn ich sehe, wie die Vegetation und die Natur sich fortwährend erholen. Die einstmals nahezu kahlen Hügel sind von dichtem Baumwuchs und Sträuchern bedeckt und es grünt überall, wohin das Auge sieht.Als wir den Hof der Kirchenburg betraten, waren wir wohlig überrascht und staunten, als wir gewahr wurden, wie zahlreich die Weinreben mit Trauben behangen sind. Ebenso üppig ausgestattet sind auch die Himbeersträucher, welche entlang der beinahe gesamten Ringmauer hinter der Kirche in die Höhe ragen. Viele von uns konnten dem nicht widerstehen und so stürzten wir uns auf die süßen roten Beeren, noch bevor der Küster uns dazu einlud. Ich muss ganz ehrlich gestehen: Ich habe bislang noch nie dermaßen schmackhafte Himbeeren gegessen! Die Weintrauben und die Himbeeren sind erfreulicherweise keine Ausnahme. Auch bei den Erdbeeren ist abzusehen, dass reichlich köstliche Früchte gedeihen werden und darüber hinaus entwickelt sich auch das Gemüse (z.B. Gurken, Zwiebeln) prächtig.
Bei all diesem erfreulichen sichtbaren Wandel in der Natur darf man das Unsichtbare nicht vergessen: Die Kontamination, welche die Fabriken aus Kleinkopisch verursacht haben, ist so gravierend, dass sie etwa 3-5 Meter in den Boden hineinreicht. Es wird dement-sprechend noch Jahrzehnte dauern, bis die Umwelt vollständig entgiftet ist. Während einige von uns sich an den Himbeeren „vergriffen“, waren Hanzi, die Pfarrers-familie Roth und einige andere eifrig dabei, den Gottesdienst vorzubereiten. Die meisten verbrachten die Wartezeit im Burghof, während einige, wie etwa Gerhard „Buti“ Guttner, Helmut „Helmi“ Neubauer und auch ich diese Zeit nutzten, um den Turm zu besteigen. Einerseits stieg ich wegen der atemberaubenden Aussicht über das Dorf hoch, andererseits wollte ich nochmals den Ort wiedersehen, zu dem mich mein geliebter Opa einmal mitnahm, als er mit dem Glockenläuten an der Reihe war.
Nachdem wir den Turm wieder verlassen hatten, erklimmten kurz danach jene Männer die oberste Turmebene, welche die Glocken läuteten (u.a. Martin Schörwerth und Liţă Stan). Derweil stellten wir uns geordnet vor dem Kircheneingang auf, um die Kirche, so wie früher, während des Glockenläutens, zu betreten. Allein schon der Klang der Glocken bescherte einem Gänsehaut. Es waren für uns alle überwältigende und unbeschreibliche Momente, als wir erstmals seit mehr als 20 Jahren gemeinsam mit so vielen Freunden, Verwandten, Landsleuten und Mitbürgern aus Kleinprobstdorf die Kirche betraten; Die Kirche, in der viele von uns getauft oder konfirmiert wurden. Die Kirche, in der viele von uns in ihrer Kindheit mit strahlenden Augen unter dem großen Weihnachtsbaum standen und die Kirche, vor deren Altar sich viele von uns einstmals da Ja-Wort gaben.
Kurz bevor der eigentliche Gottesdienst begann, hatte Hans (Folea) noch eine kleine Ansprache zur Begrüßung gehalten. Er war nicht nur sichtlich berührt, er war obendrein so aufgewühlt, dass ihm die Stimme beinahe versagte. Er entschuldigte sich dafür, was jedoch gar nicht nötig gewesen wäre; Es ist begrüßenswert, wenn jemand Gefühle zeigt, zudem haben wir alle dieses Empfinden mit Hans geteilt, zumal die meisten ohnehin genauso tief bewegt und ergriffen waren wie er. Viele, so auch ich, zeigten offen ihre Gefühle und hatten Tränen in den Augen. Mit Bedauern mussten wir feststellen, dass in der Kleinprobstdorfer Kirche keine Orgel mehr ansässig ist. Diese traurige Tatsache sollte uns allerdings nicht daran hindern, einen Gottesdienst zu zelebrieren, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen kann. Für die musikalischen Einlagen war unser Bruno „Dux“ Roth zuständig. Gekonnt und sicher unterstützte und begleitete er unseren Gesang.
Schließlich wurde auch das Heilige Abendmahl verabreicht, wobei unser Pfarrer Gerhard Roth von Luise Grigori-Roth eifrig unterstützt wurde. Viele hatten während des Gottesdienstes immer wieder Tränen in den Augen und auch die Stimme von Pfarrer Roth war manchmal zittrig, weil diese besonderen Momente natürlich auch ihn nicht unberührt ließen. Dieser außergewöhnliche Gottesdienst ging uns offensichtlich allen sehr nahe und er wird bis ans Ende unserer Tage in unserer Erinnerung lebendig bleiben. Nach dem Auszug aus der Kirche gingen wir geschlossen zum Friedhof, wo wir uns am zentral gelegenen Grab von Pfarrer Andreas Guttner einfanden. Die Sonne brannte unentwegt, während wir der zu Herzen gehenden Andacht von Pfarrer Roth beiwohnten. Hansi Folea-Stamp legte einen Kranz nieder im Namen der HOG und im Namen aller Kleinprobstdorferinnen und Kleinprobstdorfer. Der Kranz wurde geschmückt von Bändern in den siebenbürgisch-sächsischen Farben rot und blau.
Den Sonnenschein und den heiteren wolkenlosen Himmel sehe ich als Gruß; Es war ein Lächeln unserer Brüder und Schwestern, unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, welche auf dem Kleinprobstdorfer Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie haben mit diesem Lächeln ihre Freude und ihr Wohlwollen darüber ausgedrückt, dass wir an sie gedacht und sie besucht haben.
Nach der Andacht ging jeder an das Grab/die Gräber seiner Verwandten und legte die Blumen nieder, welche wir am Morgen dieses Tages auf dem Markt in Mediasch gekauft hatten. Ich hätte es als brüderliche Geste empfunden, wenn wir alle Geld zusammengelegt hätten, dafür rote Rosen gekauft hätten und auf ausnahmslos jedes Grab jeweils eine Rose gelegt hätten. Man darf nämlich nicht vergessen, dass es viele ältere Kleinprobstdorfer/-innen in Deutschland gibt, die womöglich nie mehr die Gelegenheit haben, selbst Blumen auf die Gräber ihrer Liebsten zu legen.
Nach dem Friedhofsbesuch unternahmen wir einen Spaziergang durch das Dorf mit Besichtigung der Schule, des Pfarrhauses und der Fleischerei, welche sich in dem Gebäude befindet, wo einst die „Alimentar“ untergebracht war.
Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Haus Nr. 14, (welches ehemals der Familie Elischer gehörte) wo unsere Gastgeber bereits auf uns warteten. Ursprünglich war geplant, ins „Hewes“ zu gehen. Aus Zeitgründen und auch weil es für die älteren Leute wahrscheinlich zu anstrengend gewesen wäre, diesen weiten Weg bei der großen Hitze zu bewältigen, wurde umgeplant, sodass wir uns auf besagtem Elischer-Hof einfanden.
Man kann sagen, dass unsere Gastgeber uns auf Händen getragen haben. Wir haben eine Gastfreundlichkeit und eine Herzlichkeit erfahren, die einfach überwältigend war. Die Mühe, die diese Leute sich gemacht haben und der Aufwand, den sie betrieben haben, verdienen unsere Anerkennung.
Unter den Weinstöcken hatten sie mehrere Tafeln aufgebaut und gedeckt, sodass ausreichend Sitzplätze vorhanden waren. Unermüdlich waren sie unterwegs, um uns zu bewirten und zu beköstigen mit „mici“ und „grătar“ sowie natürlich auch mit kühlem „Ursus“-Bier und Wein. Auch auf die Umstellung des Wetters wurde unverzüglich reagiert: Die Weinstöcke, unter denen wir saßen, wurden prompt seitlich mit Planen verhangen, um die extreme Sonneneinstrahlung zu verringern. Als es etwas später vorübergehend anfing zu regnen, wurde wieder sofort gehandelt: Über uns wurde eine Konstruktion aus Planen und Kanthölzern aufgebaut, damit wir nicht nass wurden.
Es war ein sehr angeregter Nachmittag mit frohgelauntem Beisammensein und natürlich auch mit Spaziergängen durch das Dorf. Die „junge Garde“ unternahm eine Tour an die Kokel zum „Baraj“. Als wir die Tore erreicht hatten, erklärten vorwiegend Helmut „Helmi“ Neubauer und ich den Jüngeren, zu welchem Zweck der „Baraj“ überhaupt erbaut wurde, vorzugsweise jedoch ließen wir sie an unseren Erinnerungen teilhaben: Wir berichteten davon, welch reges Getümmel und Gewimmel an den Sommertagen in und an der Kokel herrschte. Wir erzählten, dass die Mutigen von ganz oben vom Tor sprangen und dass es dabei zu einigen Unfällen kam. Wir erwähnten auch, dass mitunter die Tore hochgezogen wurden und dass die Fluten dabei so einiges mitrissen.
Nachdem wir wieder auf den Hof unserer Gastgeber zurückgekehrt waren und noch einige Stunden in froher und heiterer Runde verbracht hatten, endete dieser unvergessliche und einzigartige Tag viel zu schnell; Um sieben Uhr ging es zurück nach Mediasch ins Hotel. Nur einige wenige, der „harte Kern“, blieb noch fast bis Mitternacht in unserem kleinen idyllischen Heimatdorf.

10. Juli 2011 – Kronstadt / Burzenland-Rundfahrt
An diesem Morgen begaben wir uns auf die Burzenland-Rundfahrt: Unsere Strecke verlief zunächst über Pretai, Scharosch, Dunesdorf, Schäßburg, Weißkirch, Keisd und Bodendorf. Dann verließen wir vorübergehend unsere Route, um auf einer „Schotterpiste“ in das etwas abseits gelegene Radeln zu gelangen, wo wir dem von Peter Maffay errichteten sogenannten „Schutzraum“ einen Besuch abstatteten. Bei dem „Schutzraum“ handelt es sich um einen Zufluchts- und Therapieort für Kinder, welche Gewalt und Misshandlung ausgesetzt waren. Das Projekt in Radeln ist bereits Maffays Zweites dieser Art, eine ähnliche Einrichtung hat er bereits auf Mallorca erschaffen.
Von Radeln kehrten wir wieder auf unsere Route zurück, um über Schweischer, Reps, den Geisterwald, Nussbach, Rothbach und Marienburg nach Kronstadt zu gelangen. Dort besichtigten wir das Zentrum mit dem Rathaus und der berühmten Schwarzen Kirche. Am Stadtrand von Kronstadt fanden wir eine schöne Wiese, wo wir uns für ein Picknick „ţărănesc“ niederließen. Es war eine „Jause“ wie in früheren Siebenbürger Zeiten, denn es gab Speck („Bauflisch“), Zwiebeln, Fett (Schmalz), Schafskäse und selbstgebackenes Brot. Diese typisch siebenbürgisch-sächsischen Lebensmittel überreichte uns am Morgen Hans Tuth („Vere“) in Dunesdorf. Außerdem hatten wir auch Wein dabei, um die Trockenheit im Hals bereits im Ansatz zu bekämpfen. Speisen und Wein schmeckten einfach vorzüglich, genauso wie früher! Anschließend fuhren wir über Weidenbach, Zeiden und Schirkanyen nach Fogarasch, wo wir einen Zwischenhalt einlegten und die Burg Fogarasch besichtigten.
Über mehrere Dörfer mit interessanten und imposanten Kirchenburgen (Kleinschenk, Großschenk, Mergeln und Schönberg) fuhren wir weiter Richtung Agnetheln. In der Nähe von Agnetheln packten wir auf einem prächtigen grünen Plätzchen inmitten der Natur un-seren „Biertisch“ aus, welcher uns bereits beim Picknick gute Dienste geleistet hatte, und ließen es uns bei Kaffee und „Strätzel“ gutgehen. Über Bürgesch, Magarei und Meschen gelangten wir schließlich am Abend nach Mediasch.
An diesem Tag waren wir auch noch zwei „Angriffen“ ausgesetzt: Kurze Zeit nachdem wir uns nach einer unserer Pausen wieder in Fahrt gesetzt hatten, machte Kurt, unserer Busfahrer, eine Durchsage: Er bat uns darum, unsere Schuhe zu überprüfen, denn irgendjemand sei offenbar einer „Tretmine“ zum Opfer gefallen. Es würde sich ein fürchterlicher Gestank im Bus verbreiten. Kurz darauf stellte sich heraus, wer der „Glückspilz“ war: Ausgerechnet unser Reiseleiter, unser Hans Folea-Stamp, hatte einem Haufen „die Augen ausgetreten“! An einer Tankstelle hielten wir an, um die Stinkbombe zu beseitigen. Es war ein urkomisches Bild, wie Hans da stand, den betreffenden Schuh ausgezogen und in der Hand haltend, während er gemeinsam mit einem Tankstellen-mitarbeiter und einem Wasserschlauch den festgetretenen „Glücksbringer“ an der Schuhsohle bekämpfte und schließlich besiegte.
Möge dieses Ereignis unserem Hanzi Glück bringen, so wie es der Volksmund besagt. Für die Mitreisenden war es jedenfalls eine höchst erheiternde und amüsante Gegebenheit, an die man sich stets gerne erinnern wird. Nachdem Hans nun diesem „Bodenangriff“ ausgesetzt war, musste ich in einer der nächs-ten Pausen einen „Luftangriff“ über mich ergehen lassen: Während ich an einem Tisch unter einem Baum saß und genüsslich mein Mittagessen zu mir nahm, entlud sich ein Vogel von oben direkt auf meine Hose (auf den Oberschenkel)! Ich hatte Glück im Unglück, dass er nur die Hose traf. Es hätte nicht viel gefehlt, damit sein Haufen entweder auf meinem Kopf oder auf meinem Teller landete. Von wegen „Alles Gute von oben“!

11. Juli 2011 – Fahrt von Mediasch nach Budapest (über Deva und Arad)
Die Rückfahrt traten wir, im Gegensatz zur Hinfahrt, auf einer anderen Route an: Über Hermannstadt, Mühlbach, Deva und Arad fuhren wir nach Nădlac, wo wir die Grenze über-querten. In Mühlbach legten wir einen Zwischenhalt ein, um die dortige Kirche zu besichtigen. Besonders auffallend und imponierend: Der majestätische Altar, einer der größten in Siebenbürgen. Die Durchfahrt durch Mühlbach und durch den Unterwald wusste Luise Grigori-Roth gekonnt kurzweilig zu gestalten, weil sie uns am Mikrofon mit vielen interessanten Informationen bezüglich dieser Region versorgte.
Gegen 19 Uhr erreichten wir, genau wie im Zeitplan vorgesehen, die ungarische Donau-metropole, wo wir wieder in demselben Hotel (Mercure Hotel) übernachteten wie vor sechs Tagen.
Wie schon während der Hinfahrt war Uli erneut unser Reiseführer in Ungarns Hauptstadt. Vom nahegelegenen Südbahnhof fuhren wir einige Stationen, unter der Donau hinweg, auf die andere Donauseite. Hier unternahmen wir einen Spaziergang entlang des Ufers mit Blick auf die Fischer-Bastei und auf jene Donauseite, von wo aus wir eine Woche vorher die wunderschöne Stadt bestaunten. Wir gingen bis zum Parlamentsgebäude, konnten uns diesem jedoch nur bis auf etwa 50 Meter nähern, weil dieses in seiner Funktion als Regierungsgebäude abgesperrt und mit Wachposten versehen ist.

12. Juli 2011 – Fahrt von Budapest nach Nürnberg
Wehmut und Traurigkeit machte sich an unserem letzten gemeinsamen Tag im Bus breit. Dies ist damit begründet, weil sich einerseits diese unvergessliche Woche nun allmählich ihrem Ende zuneigte und weil andererseits unsere großartige, stets lustige und gut gelaunte Reisegruppe sich in wenigen Stunden wieder kreuz und quer in ganz Deutschland verteilen würde, angefangen vom Süden (z.B. Nürnberg, München, Schwabach, Bamberg, Esslingen, Heilbronn), über den Westen (z.B. Wuppertal, Gummersbach), den Osten (z.B. Halle) bis hin in den Norden (z.B. Salzgitter).
Als erstes jedoch mussten wir uns von der Pfarrersfamilie verabschieden, weil diese bereits in Österreich ausstieg.
Bevor es allerdings so weit war und Abschiedsstimmung aufkam, wurde dem immer wieder entgegengesteuert, etwa durch Witze oder sonstige lustige, teils aus dem wahren Leben gegriffene Beiträge und Anekdoten. Viele empfanden tiefe Dankbarkeit für die Erlebnisse und die Eindrücke, die man während dieser traumhaften Woche gewonnen hatte und die unsere Erinnerung fortan um einen großen Schatz bereichern. Allmählich und erfreulicherweise trauten sich auch immer mehr Leute nach vorne ans Mikrofon, um ihren Dank in unterschiedlicher Darbietungsform auszudrücken. Ich persönlich fand das Dankeslied der entzückenden Töchter von Martin Schörwerth richtig süß, welches die beiden spontan geschrieben und am Mikrofon auf die Melodie von dem bekannten „Danke für diesen guten Morgen“ gesungen hatten. Diese liebenswürdige Darbietung hatte bei mir sogar für feuchte Augen gesorgt!
Etwa um 19 Uhr erreichten wir das ETAP-Hotel, wo ein Teil der Gruppe ausstieg. Kurze Zeit später verließen am Bahnhof die restlichen Reiseteilnehmer den Reisebus. Somit gehört unsere gemeinsame Reise in die Heimat fortan der Vergangenheit an und bleibt für immer in unser aller Erinnerung wach und lebendig.

Ich möchte allen Mitgliedern unserer Reisegruppe meine tief empfundene Dankbarkeit aussprechen. Die Gemeinschaft, also ihr alle, habt es überhaupt erst ermöglicht, dass diese Reise zu einem derart unvergleichlichen und unvergess-lichen Erlebnis wurde.
Insbesondere gilt es all denjenigen zu danken und jene hervorzuheben, die durch ihren Einsatz, ihre Beiträge und ihr Dazutun besonders zum Gelingen unserer Reise beigetragen haben, selbst dann, wenn es nur kleine Beiträge waren. Auch die sind wichtig und notwendig und tragen zum großen Ganzen bei.
Es gebührte diesen Personen, sie an dieser Stelle allesamt beim Namen zu nennen. Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich davon absehe. Es handelt sich nämlich hierbei um ein Schreiben, welches für jedermann einsehbar ist. Aus Rücksicht verzichte ich darauf, die Namen der betreffenden Personen zu nennen, weil ich nicht weiß, ob all jene Personen damit einverstanden wären, wenn ihre Namen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden.
Ein ganz großes Dankeschön geht auch an unseren zuvorkommenden und humorvollen Busfahrer Kurt Penteker aus Jaad (im Nösnerland), der uns stets sicher und wohlbehalten an jedes Ziel brachte und der zudem gemeinsam mit seinen „Assistenten“ Melanie, Katharina, Annemarie und Freddy auch dafür sorgte, dass unterwegs kein Magen leer und keine Kehle trocken blieb. Die Reisegruppe hatte ihn im Laufe unserer Reise so liebgewonnen, dass ihm am letzten Reisetag die Ehrenbürgerschaft von Kleinprobstdorf verliehen wurde, sodass er fortan zu unseren Kleinprobstdorfer Treffen herzlich eingeladen ist. Zu unserer Freude nahm er die Einladung dankend an und möchte ihr auch gerne folgen.
Das größte Dankeschön gilt unserem HOG-Vorsitzenden Hans Folea-Stamp. Ihm haben wir es zu verdanken, dass diese gemeinsame Reise in die Heimat überhaupt erst möglich wurde. Mit seinem unermüdlichen Einsatz, seiner schier grenzenlosen Leidenschaft und seinen Anstrengungen, die ihm offenbar nie zu groß sind, hat er diese Reise geplant und organisiert. Was er für die Gemeinschaft und die Heimat leistet, ist unermesslich und unerreicht. Wir müssten ihn dafür auf Händen tragen! Nicht vergessen werden darf seine Familie, seine Töchter und insbesondere seine Gattin, die ihm stets zur Seite steht und sein Rückhalt ist. Ohne einen solchen Rückhalt wäre es nicht möglich, derartige Anstrengungen zu bewältigen.

Ich möchte noch – und das ist mir sehr wichtig – unseren älteren Reiseteinehmer/-innen meinen Respekt und meine Achtung aussprechen. Jeder weiß, dass eine derart lange Reise ab einem gewissen Alter durchaus strapaziös ist und auch Risiken für die betreffenden Personen birgt. Dass dennoch so viele ältere Landsleute an der Reise teilgenommen haben, ist nicht nur höchst erfreulich, sondern verdient auch höchste Anerkennung.
Mein Respekt und meine Anerkennung gelten auch gleichermaßen den jüngsten Mitgliedern unserer Reisegruppe. Wir hatten einige junge Menschen dabei, die noch nie unsere Heimat gesehen hatten, ja noch nicht einmal in Siebenbürgen geboren sind. Es erfüllt mich mit Freude und ich bin stolz auf diese jungen Menschen, weil sie so viel Interesse, Neugier und Begeisterung für unsere alte Heimat gezeigt haben.

Ich möchte abschließend nochmals an alle das schönste und wichtigste Wort des deutschen Wortschatzes richten: „DANKE!“

Uwe Schuller, Gummersbach, im Juli 2011

Die Tretmine

Nach einer Pause, einem Zwischenhalt,
hatte Kurt, der Busfahrer, alsbald
nachdem wir wieder die Fahrt aufgenommen
einen strengen Geruch in die Nase bekommen.
Er hatte uns deshalb gebeten,
nachzuschauen, wer einen festgetreten.
Er meinte, es verbreite sich durch die Bank
im Bus ein furchtbarer Gestank.
Es war offensichtlich und klar,
dass jemand „Tretminen-Opfer“ geworden war.
Alle hatten ihre Schuhe kontrolliert
und fast alle sodann auch triumphiert,
nur einer sah mit überraschter Miene
die an seinem Schuh haftende „Tretmine“.
Es stellte sich sogleich heraus:
Ausgerechnet Hans, unser „Chef im Haus“,
trat einem Haufen „die Augen“ aus!
Wir hielten an der nächsten Tankstelle,
zwecks Entfernung der üblen Geruchsquelle.
Gleich nachdem wir angehalten,
ließ Hans, der „Glückspilz“, Taten walten:
Mit einem Wasserschlauch hat er entschlossen
die Schuhsohle ordentlich begossen,
sodass das Wasser ins Profil sich wühlte
und die „Stinkbombe“ von dannen spülte.
Was nehmen wir von diesem Ereignis mit?
Wenn jemand auf einen „Glücksbringer“ tritt,
ist es besonders amüsant und heiter,
wenn es erwischt den Reiseleiter!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.