Abschied von erfolgreicher und geschätzter Lehrerin

Pfarrer Gerhard Roth würdigt seine ehemalige Lehrerin und Nachbarin Gertrud Grigori

 

Gertrud Grigori (2)

Im Psalm 121 lesen wir:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
     Meine Hilfe kommt vom Herrn,
     der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
     Der Herr behütet dich;
     der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
     Der Herr behüte dich vor allem Übel,
     er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

(Psalm 121, 1-8)

 

Gertrud Grigori, geb. Guttner, erblickte das Licht der Welt am 10. Juli 1928 in Kleinblasendorf, in der Nähe von Mediasch. Ihre Eltern waren der Ortspfarrer Andreas Guttner, geboren in Stein, und dessen Ehegattin Tilde, geb. Henning, Pfarrerstochter aus Zuckmantel. Not und Leid der frühen Kindheit teilte sie mit ihren zwei älteren Brüdern Erhard und Ernst. Ein erster Bruder Helmut verstarb als Kleinkind. Im Schuljahr 1934/35 besuchte sie in Kleinblasendorf die erste Klasse. Im Sommer 1935 wechselte die Pfarrfamilie Guttner von Kleinblasendorf nach Kleinprobstdorf, auf die andere Seite von Mediasch. Die Tochter Gertrud besuchte folglich die Klassen zwei bis vier von 1935-1938 in der neuen Heimatgemeinde. Weiter folgten die Klassen fünf bis acht am Untergymnasium in Schäßburg.

Dunkle Wolken zogen über das Elternhaus mit dem frühen Tod der Mutter und Ehegattin Tilde Guttner am 27. Mai 1939. Nach erfolgreich abgeschlossener achten Klasse am Untergymnasium wurde Gertrud in der Kirche zu Kleinprobstdorf vom eigenen Vater Andreas Guttner konfirmiert. Es war am Palmsonntag, dem 29. März 1942. Am gleichen Tag wurde ihre Halbschwester Edith geboren, Tochter von Andreas Guttner und seiner zweiten Ehefrau Cornelia, geb. Schmidt, Pfarrerstochter aus Peschendorf. Erwähnen möchte ich den Konfirmationsspruch, den sie für den weiteren Lebensweg mitbekam:

„Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte dich davor, jemals in eine Sünde einzuwilligen und gegen die Gebote unseres Gottes zu handeln!“
(Tobias 4, 6)

Diese Worte versuchte sie ihr Leben lang zu beachten, danach zu leben und zu handeln.

Im Herbst 1942 kam Gertrud ans Lehrerinnenseminar in Schäßburg, da schon längst der Entschluss gefallen war, den Beruf der Lehrerin zu ergreifen. Es waren keine leichten Jahre, dazu noch die Zeit des zweiten Weltkrieges. Aus diesem Grund wurde die Ausbildung am Seminar unterbrochen. Die Schülerinnen der höheren Klassen kamen in ein Praktikum und mussten plötzlich unterrichten. Gertrud Guttner kam in die eigene Gemeinde Kleinprobstdorf und vertrat von Januar 1945 bis zum Ende des Schuljahres die nach Russland zur Wiederaufbauarbeit verschleppte Lehrerin Elisabeth Schörwerth, geb. Binder aus Durles, die wir alle auch in Erinnerung haben. Danach ging die Ausbildung am Seminar weiter bis zur erfolgreich abgelegten Matura im Sommer 1947.

Ihre erste Arbeitsstelle fand die junge Lehrerin im Herbst 1947 an der Grundschule, Klassen eins bis vier, in der Gemeinde Kleinlasseln an der Kleinen Kokel. Den Unterricht begann sie mit den Klassen eins und drei im Simultanunterricht mit einer verhältnismäßig großen Schüleranzahl. Dafür gab es leider viel zu wenig Lehrmaterial, vor allem mangelte es an Fibeln und Lesebüchern. Darum hieß es oft bis tief in die Nacht hinein: Buchstaben basteln und ausschneiden, damit jedes Kind das Alphabet zusammenkriegen konnte. Ausgesuchte Texte aus der Bibel benützte sie als Lesehilfe für die größeren SchülerInnen. Die Lehrerin wird nach so einem langen Arbeitstag oft gesagt haben:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121, 1-2)

Für alle Hingabe, den Fleiß und die Mühe dieser sieben Schuljahre von 1947 bis 1954 werden alle ihre Schülerinnen und Schüler von Kleinlasseln der geehrten und geschätzten Lehrerin dankbar sein.

Im Herbst des Jahres 1954 wechselte Gertrud Guttner ihre Arbeitsstelle und die Schule. Von der Unterstufe in Kleinlasseln kam sie an die Oberstufe, Klassen fünf bis acht, der Allgemeinschule in Seiden. Mit viel Freude und Hingabe unterrichtete sie Mathematik und Physik. Natürlich hieß es Weiter- und Fortbildung, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Sicher kamen ihre Schülerinnen und Schüler nicht nur aus der Gemeinde Seiden, sondern auch aus den Nachbargemeinden, etwa aus Bulkesch, Schönau, Taterloch und Michelsdorf. Vielleicht auch aus anderen kleineren Gemeinden der Umgebung. Sicher hat sie die nötige Hilfe im Gebet gefunden und bekannt:

„Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121, 2)

Auch in Seiden sollten es sieben Schuljahre werden, 1954 bis 1961.

Am 19. August 1961 schloss Gertrud Guttner den Bund der Ehe mit Martin Grigori aus Kleinprobstdorf. Die kirchliche Trauung erfolgte in der Heimatgemeinde unter der Leitung und dem kirchlichen Segen des eigenen Vaters bzw. Schwiegervaters, Pfarrer Andreas Guttner. Diese Ehe wurde gesegnet durch die Geburt der beiden Töchter Gertrud und Maria.

Gleich nach dem Eheschluss musste auch die Schule wieder gewechselt werden, weil das Ehepaar Gertrud und Martin Grigori in Kleinprobstdorf wohnte. Mit dem Schuljahr 1961/62 begann unsere Frau Lehrerin demnach ihre Tätigkeit in der Nachbargemeinde Frauendorf. An der Oberstufe unterrichtete sie ebenfalls Mathematik und Physik in den Klassen fünf bis acht, und in späteren Jahren auch andere Fächer mit etwas anderer Aufteilung. Von 1961 bis 1974, also im Laufe von 13 Schuljahren konnten nicht nur Schülerinnen und Schüler aus Frauendorf die neue Lehrerin kennen und schätzen lernen, sondern auch aus der nächsten Umgebung wurden alle nach Frauendorf an die Oberstufe gesammelt: Marktschelken und Petersdorf, Arbegen und Schaal, sowie wir aus Kleinprobstdorf und alle deutschsprachigen Schüler aus dem Industrieviertel von Kleinkopisch. Neben einer Klasse mit rumänischer Unterrichtssprache (A) gab es jeweils zwei Parallelklassen (B und C) mit deutscher Unterrichtssprache, darum erfolgte der Unterricht der Unterstufe am Vormittag und jener der Oberstufe am Nachmittag, über viele Schuljahre hinweg.

Gerade auch wir, Schülerinnen und Schüler aus Kleinprobstdorf, haben diese 13 Schuljahre, samt den unzähligen Unterrichtsstunden mit unserer verehrten und geschätzten Lehrerin Gertrud Grigori in bester Erinnerung. Es waren die Geburtsjahre 1947/48 bis 1962, die in Frauendorf von ihr unterrichtet wurden: ob ein, zwei, drei, oder vier Schuljahre. In manchen Jahrgängen war sie auch Klassenlehrerin. Sie galt als oft strenge und trotzdem aufrichtige und gerechte Lehrkraft. Was sie am Herzen trug oder auf der Zunge hatte, konnten alle bald klar und deutlich hören, nicht immer zur Freude der Schülerinnen und Schüler oder ihrer Eltern.

Durch die eine oder andere Veränderung an der Oberstufe der Frauendorfer Schule kam es schließlich zum vierten und letzten Wechsel der Arbeitsstelle: Im Herbst 1974 übernahm Gertrud Grigori die in Kleinprobstdorf freigewordene Stelle an der Grundschule und unterrichtete die Klassen eins und drei neben ihrer damaligen Kollegin Anna Schuster, geb. Zank, die für die Klassen zwei und vier zuständig war. Es war der schon bekannte und abwechselnde Simultanunterricht eins und drei bzw. zwei und vier, jeweils zwei Schulstufen im gleichen Klassenzimmer. Wegen kleiner werdender Schüleranzahl waren schließlich alle vier Jahrgänge im gleichen Raum von einer Lehrkraft zu unterrichten. Unsere verehrte Lehrerin Gertrud Grigori war schließlich nicht mehr die Jüngste. In ihren letzten Schuljahren wird sie abermals im Gebet Hilfe und Beistand gefunden haben:

„Der Herr wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet schläft nicht.
Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.“
(Psalm 121, 3-7)

Ihr letztes Arbeits- und Schuljahr in Kleinprobstdorf war 1982/83, da sie nach dem erfüllten 55. Geburtstag am 10 Juli 1983, in den wohlverdienten Ruhestand treten durfte. Wenn sie gebraucht wurde, stand sie auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite und erledigte sogar manchen Vertretungsdienst.

 

Zum Abschluss eine kurze Übersicht ihrer Arbeitsstellen:

Herbst 1947 bis Sommer 1954 = 7 Jahre Unterstufe in Kleinlasseln

Herbst 1954 bis Sommer 1961 = 7 Jahre Oberstufe Seiden

Herbst 1961 bis Sommer 1974 = 13 Jahre Oberstufe Frauendorf

Herbst 1974 bis Sommer 1983 = 9 Jahre Unterstufe Kleinprobstdorf

Das waren insgesamt 36 unermüdliche Arbeitsjahre der geschätzten und verehrten Lehrerin Getrud Grigori, verbunden mit viel Fleiß, Liebe, Hingabe, Ausdauer und Treue. Kinder der Geburtsjahrgänge 1936 bis 1976 saßen bei ihr in der Schulbank und wurden für das weitere Leben unterrichtet und vorbereitet. Die meisten werden sich gern und oft an ihre Lehrerin Gertrud Grigori erinnern.

Kulturarbeit gehörte auch zu den Aufgaben einer Lehrkraft, das heißt Kinder- und Jugendarbeit sowie verschiedene Aktivitäten mit jungverheirateten Frauen und Männern waren zu leisten. Auch Gertrud Grigori hat diese Arbeit gekannt, geliebt, geschätzt und gefördert. Natürlich war das nicht immer leicht. Gerade in der Zeit der kommunistischen Diktatur in Siebenbürgen mussten alle Lehrkräfte ganz genau aufpassen, denn Staat und Kirche durften nicht zusammenarbeiten. Nein, im Gegenteil!

Mehrere Male im Laufe des Jahres gab es die verschiedensten Tanzaufführungen mit der Jugend oder Jungverheirateten: Kinder-, Jugend- und Erwachsenenfasching, Peter und Paul – das Kronenfest und dergleichen mehr. Natürlich musste dafür fleißig geübt und geprobt werden. Für Weihnachten und Neujahr, Ostern oder Pfingsten wurden mit Jugendlichen und Jungverheirateten verschiedene Theaterstücke einstudiert und stundenlang geprobt. Die Aufführungen erfolgten in Kleinprobstdorf sowie in vielen Gemeinden der Umgebung. Mit dem Erlös aller Aufführungen wurden die verschiedensten Ausflüge unternommen und ebenfalls von unserer Lehrerin organisiert und geleitet. Nicht nur große Teile von Siebenbürgen wurden besucht und angesehen, sondern auch die Moldauklöster, die Bukowina und Maramuresch oder sogar das Wasser- und Elektrizitätskraftwerk „Eisernes Tor“ in Turnu Severin an der Donau. Auch in früheren Schuljahren, etwa in der Zeit ihrer Tätigkeit in Seiden und Kleinlasseln, nahm sie mit verschiedenen Tanzgruppen an Wettbewerben teil und erzielte dabei bemerkenswerte Ergebnisse.

Ebenfalls zu erwähnen ist schließlich der Einsatz von Gertrud Grigori als Mitglied der Nachbarschaft in der Gemeinde Kleinprobstdorf bei verschiedenen Anlässen und Gemeindefesten. Viele Frauen halfen beim Vorbereiten des Faschings, der Hochzeitsfeiern oder auch bei Beerdigungen. Es musste alles genau organisiert und durchgeführt werden: Reinigungsarbeiten, Backen und Kochen sowie Bedienung der Besucher und Gäste. Manchmal wird die Familie Grigori die Ehefrau und Mutter auch schmerzlich vermisst haben. Gertrud Grigori wird aber an ihre Aufgaben und an ihren Dienstauftrag gedacht haben, getreu und gewissenhaft versucht haben, alles zu geben und zu erfüllen. Vielleicht hat sie dieses Bibelwort vor Augen gehabt:

„Dient einander – ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat –
als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes;
wenn jemand dient, dass ers tue aus der Kraft, die Gott gewährt,
damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus.
Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“
(1. Petrus 4, 10-11)

Nach der Pensionierung im Jahr 1983 verbrachte die verdiente Lehrerin ihre letzten Jahre in Kleinprobstdorf mit der Familie. Als Rentnerin durfte sie auch mit der Kirche und Pfarrgemeinde enger zusammenarbeiten. Ihr Ehegatte Martin war Mitglied des Presbyteriums und darum war die Familie Grigori auch mit dem einen oder anderen Pfarrer in bester Verbindung: Heinrich Brandstädter und Hans Kirschner aus Wurmloch, Werner Lutsch aus Großprobstdorf und Paul Sattler aus Mortesdorf. Einen eigenen Pfarrer hatte Kleinprobstdorf leider nicht mehr! Die Zukunft wurde immer aussichtsloser. Darum entschloss sich auch die Familie Grigori im Mai 1991 schweren Herzens zur Ausreise nach Deutschland. Gemeinsam mit meinen Eltern Regina und Michael Roth kamen sie fast als die letzten Kleinprobstdorfer nach Nürnberg ins Aufnahmelager. Gertrud und Martin Grigori durften von Nürnberg nach Rupolding wechseln und verbrachten hier insgesamt acht schöne Jahre von 1991 bis 1999. Von Rupolding wechselten sie 1999 nach Ebersberg. Beide Male in die Nähe der älteren und verheirateten Tochter Gertrud Drotleff. Maria Grigori, die jüngere Tochter, wohnhaft in Waldkraiburg, besuchte ihre Eltern regelmäßig sowohl in Rupolding als auch in Ebersberg und stand ihnen samt der Familie ihrer Schwester mit Rat und Tat zur Seite. Die Zeit in Ebersberg sollte länger dauern als jene in Rupolding. Es waren auch schöne Jahre dabei, aber die Krankheit und das Alter waren immer mehr zu erkennen und hinterließen manche Spuren. Das Ehepaar Grigori wurde schließlich zum Pflegefall und musste rund um die Uhr betreut werden.

Am 10. Juni 2017 verstarb zuerst der Ehegatte Martin und wurde am 16. Juni zur letzten Ruhe gebettet. Nur wenige Monate später folgte ihm auch seine treue und geliebte Ehefrau Gertrud. Die geschätzte und wohlbekannte Lehrerin verstarb nach kurzem und schwerem Leiden am 3. November 2017 und wurde am 8. November an die Seite ihres Ehegatten in Ebersberg kirchlich bestattet. Manche ihrer Schülerinnen und Schüler haben ihr am Grab die letzte Ehre erwiesen und ihren Töchtern Gertrud und Maria samt Schwiegersohn Udo, sowie den Enkeln Agnes und Dieter den nötigen Trost zugesprochen.

Als Lehrerin von Kleinlasseln, Seiden, Frauendorf und Kleinprobstdorf werden wir sie weiterhin schätzen und achten sowie in bester Erinnerung bewahren.

Wir können nur dankbar bitten:

Gott schenke ihr samt ihrem Ehegatten die ewige und wohlverdiente Ruhe!

„Der Herr behüte ihren Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ Amen.

 

Pfarrer Gerhard Roth, St. Pölten (Österreich)

 

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